Interview mit Herrn Amini über das Zeittauschprojekt „Zeitwert“
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Journalistin: Guten Tag, Herr Amini. Schön, dass Sie sich heute die Zeit für unser Gespräch nehmen.
Herr Amini: Guten Tag – gern geschehen.
Journalistin: Sie haben vor sechs Jahren eine Initiative gegründet, die sich „Zeitwert“ nennt. Heute engagieren sich dort über 120 Menschen. Was genau steckt hinter dieser Idee?
Herr Amini: Ursprünglich war es gar nicht geplant, dass daraus so ein großes Projekt wird. Ich wollte einfach nach meiner Pensionierung nicht untätig zu Hause sitzen. Aber es stimmt – die Initiative ist mittlerweile gewachsen. Das Wort „Plattform“ benutze ich allerdings ungern. Das klingt so technisch – wie eine Webseite, auf der man Profile durchscrollt. Bei uns ist es ganz anders: Wir kennen uns persönlich, treffen uns regelmäßig, und unsere Unterstützung ist direkt und menschlich.
Journalistin: Können Sie uns erklären, wie das System bei „Zeitwert“ genau funktioniert?
Herr Amini: Im Prinzip ist es ganz einfach. Unsere Mitglieder helfen einander bei alltäglichen Aufgaben – aber statt Geld zu zahlen, wird Zeit getauscht. Für jede Stunde, die man hilft, bekommt man eine Stunde gutgeschrieben. Diese „Zeiteinheiten“ kann man dann einsetzen, wenn man selbst Hilfe benötigt. Das Schöne daran ist: Jeder Mensch hat Fähigkeiten oder einfach Zeit, die anderen nützt. Und es ist nicht wichtig, ob man jung oder alt ist.
Journalistin: Was bieten Ihre Mitglieder denn konkret an?
Herr Amini: Die Vielfalt ist wirklich beeindruckend. Jemand fährt ältere Nachbarn zum Supermarkt, eine andere betreut Kinder nach der Schule. Es gibt Mitglieder, die bei Gartenarbeit helfen oder mit Hunden spazieren gehen. Ich selbst unterstütze oft bei kleinen Reparaturen – das habe ich früher beruflich gemacht, ich war in der metallverarbeitenden Industrie tätig. Letzte Woche habe ich bei einer Nachbarin die Gartenpumpe repariert. Glühbirnen wechseln, Wasserhähne richten oder Regale anbringen – das mache ich gern. Bei digitalen Geräten lasse ich lieber die Finger weg, da haben wir zum Glück einige junge Leute, die sich auskennen.
Journalistin: Was hat Sie ursprünglich dazu inspiriert, diese Idee umzusetzen?
Herr Amini: Als ich in den Ruhestand ging, zog ich aus beruflichen Gründen von München ins ländliche Nordhessen. In der Stadt war ich das schnelle Leben gewohnt – dort kennt man kaum seine Nachbarn. Hier ist das anders. Man sagt sich Hallo, hilft sich gegenseitig. Schon nach wenigen Monaten sprach es sich herum, dass ich handwerklich begabt bin. Leute klopften an meine Tür, baten um Hilfe. Das war der Anfang. Irgendwann fragte mich jemand: „Warum machen wir daraus nicht etwas Organisiertes?“ Daraus entstand „Zeitwert“.
Journalistin: Gab es Vorbilder für Ihre Idee?
Herr Amini: Ja, durchaus. In Japan gibt es sogenannte „Fureai Kippu“ – das sind Zeitgutschriften für Hilfe im Alltag. Auch in der Schweiz läuft ein ähnliches Projekt namens „Zeitvorsorge“, das sogar staatlich unterstützt wird. Solche Beispiele haben mich motiviert. Ich dachte: Wenn es in anderen Ländern funktioniert, warum nicht auch hier?
Journalistin: Gibt es Menschen, die mehr Hilfe brauchen, als sie geben können?
Herr Amini: Natürlich. Vor allem ältere Menschen oder Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen. Aber genau dafür gibt es bei uns die Möglichkeit, Zeit zu verschenken. Letzten Monat hat eine Frau zum 60. Geburtstag 60 Stunden gespendet. Diese können jetzt Menschen zugutekommen, die selbst nicht in der Lage sind, viel zurückzugeben. Trotzdem versuchen wir, dass alle – in welcher Form auch immer – etwas beitragen. Selbst jemand, der körperlich eingeschränkt ist, kann zum Beispiel telefonieren, Briefe schreiben oder mit einem Kind spielen.
Journalistin: Denken viele, dass vor allem alleinstehende Frauen besonders oft Hilfe nachfragen – etwa bei handwerklichen Dingen?
Herr Amini: Das denken viele, aber das stimmt nicht. Es ist völlig unabhängig vom Geschlecht. Ich habe erlebt, dass alleinlebende Männer genauso viel Hilfe brauchen, oft sogar mehr. Und es gibt Frauen, die selbst hervorragend bohren, schrauben und montieren können. Das hat eher mit Zeit, Motivation oder Interesse zu tun, nicht mit dem Familienstand.
Journalistin: In Ihrer Gemeinde gibt es bestimmt auch professionelle Handwerksbetriebe. Gab es da Konflikte?
Herr Amini: Überraschenderweise nicht. Wir sind keine Konkurrenz, wir ersetzen keine Profis. Unsere Mitglieder reparieren keine Dächer oder bauen Küchen ein. Wenn jemand lieber bezahlt, weil er sofortige, professionelle Arbeit möchte, ist das völlig in Ordnung. Unsere Hilfe ist ergänzend – spontan, solidarisch, persönlich. Und: Wer bei uns mitmacht, gibt auch etwas zurück. Das unterscheidet uns klar von kommerziellen Angeboten.
Journalistin: Wer organisiert all das? Gibt es eine zentrale Verwaltung?
Herr Amini: Ja. Die Koordination übernimmt Frau Blume, eine sehr engagierte Rentnerin mit Organisationstalent. Sie führt den Katalog mit den Angeboten – wer was kann, was wann möglich ist, das wird dort gepflegt. Alle zwei Monate treffen wir uns im Gemeindehaus. Diese Treffen sind Pflicht, denn sie schaffen Vertrauen. Nur wer regelmäßig erscheint, bleibt aktiv. Wir wollen keine anonyme Liste – wir möchten einander kennen. Deshalb nehmen wir niemanden auf, der nie zu den Treffen kommt.
Journalistin: Gibt es besondere Erfolgsgeschichten?
Herr Amini: Viele. Ein Beispiel: Ein 82-jähriger Witwer hatte früher kaum Kontakte. Seit er bei uns ist, lebt er richtig auf. Er begleitet jetzt regelmäßig eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern zum Spielplatz – nicht nur als Hilfe, sondern auch als Freund. Und ein junger Informatikstudent hilft einer Seniorin beim Onlinebanking – sie hat ihm dafür das Stricken beigebracht. Diese Geschichten zeigen, wie viel mehr das Ganze ist als nur „Hilfe im Alltag“.
Journalistin: Und Sie selbst – nehmen Sie auch Hilfe in Anspruch?
Herr Amini: Ja, auch wenn ich es ungern tue. Letztes Jahr hatte ich eine Meniskus-OP und durfte mehrere Wochen nicht Autofahren. Da haben mich andere zu Arztterminen gefahren. Oder wenn mein Smartphone spinnt – da bin ich auf die Jüngeren angewiesen. Es fällt mir nicht leicht, um Hilfe zu bitten, aber dieses System hat mir gezeigt: Geben und Nehmen gehören zusammen.
Journalistin: Hat sich das Projekt inzwischen über Ihre Gemeinde hinaus verbreitet?
Herr Amini: Ja! Drei benachbarte Orte haben sich schon an uns gewandt und ähnliche Modelle gestartet – teils mit unserer Unterstützung. Auch eine Sozialpädagogik-Studentin hat eine Hausarbeit über „Zeitwert“ geschrieben. Vielleicht wird daraus sogar mal eine größere Bewegung. Der Bedarf an praktischer, menschlicher Hilfe ist heute größer denn je – gerade in Zeiten, in denen viele Menschen vereinsamen.
Journalistin: Herr Amini, ich danke Ihnen sehr für dieses aufschlussreiche Gespräch. Ich wünsche Ihrer Initiative weiterhin viel Erfolg.
Herr Amini: Vielen Dank! Es freut mich, dass unser Modell Interesse weckt. Und ich hoffe, dass noch viele Menschen erkennen, wie wertvoll Zeit füreinander sein kann.
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