Teilzeit- oder Vollzeitarbeit – Was ist zukunftsfähig?
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Moderatorin:
Einen wunderschönen guten Abend, liebe Hörerinnen und Hörer, und herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von „Forum am Freitag“. Unser heutiges Thema lautet: „Teilzeit oder Vollzeit – wie wollen und können wir in Zukunft arbeiten?“.
Die Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert: Mehr Homeoffice, mehr Flexibilität, aber auch neue Unsicherheiten. Wie wirkt sich das auf unsere Gesellschaft aus? Ist Teilzeitarbeit die Lösung für eine bessere Work-Life-Balance oder eine wirtschaftliche Sackgasse?
Darüber sprechen wir heute mit zwei Gästen, die ganz unterschiedliche Perspektiven mitbringen. Bei uns ist Jasmin Roth, Sozialpädagogin aus Bonn. Sie arbeitet seit sechs Jahren in Teilzeit und engagiert sich in einem Netzwerk für familienfreundliche Arbeitszeitmodelle. Guten Abend, Frau Roth!
Jasmin Roth:
Schönen guten Abend!
Moderatorin:
Und außerdem begrüße ich Daniel Kruse, Unternehmer aus Hildesfeld. Er leitet eine Maschinenbaufirma mit knapp 50 Mitarbeitenden und sieht Teilzeit eher kritisch. Herr Kruse, schön, dass Sie da sind!
Daniel Kruse:
Danke für die Einladung, Frau Hoffmann.
Moderatorin:
Frau Roth, warum haben Sie sich damals für Teilzeit entschieden?
Jasmin Roth:
Ich bin ehrlich: Anfangs war es reine Notwendigkeit. Nach der Geburt meines zweiten Kindes konnte ich mir die Betreuung nicht anders organisieren. Aber inzwischen genieße ich die Vorteile sehr. Ich kann arbeiten, ohne mich komplett aufzureiben, und habe trotzdem Zeit für meine Familie – und auch für mich. Ich glaube, viele unterschätzen, wie wertvoll freie Zeit ist, um nicht nur zu funktionieren, sondern zu leben.
Daniel Kruse:
Das klingt schön, Frau Roth, aber als Arbeitgeber sehe ich das differenzierter. Teilzeitmodelle machen Personalplanung oft zum Alptraum. Unsere Maschinen laufen im Schichtbetrieb – wir brauchen verlässliche Zeiten. Wenn fünf Leute gleichzeitig freitags früher gehen wollen oder montags gar nicht da sind, dann wird’s kritisch. Außerdem: Die Produktivität sinkt, wenn man ständig Übergaben und Vertretungen organisieren muss.
Moderatorin:
Aber ist das nicht ein veraltetes Bild von Arbeit? Laut Statistischem Bundesamt lag der Anteil der Teilzeitbeschäftigten 2023 bei knapp 38 Prozent – Tendenz steigend. Besonders bei Frauen. Ist das nicht ein gesellschaftlicher Wandel?
Jasmin Roth:
Absolut. Und es ist gut so. Arbeit ist nicht mehr alles im Leben. Viele Menschen – nicht nur Frauen – wollen nicht mehr 40 Stunden oder mehr arbeiten. Die 40-Stunden-Woche wurde übrigens 1918 in Deutschland eingeführt, also vor über 100 Jahren. Davor hat man oft sechs Tage die Woche, jeweils bis zu 12 Stunden gearbeitet. Warum ist es also so schwer, sich auch heute Veränderung vorzustellen?
Daniel Kruse:
Weil die Realität komplexer ist. Die Menschen wollen Teilzeit, aber sie wollen auch ein sicheres Einkommen, Karriere, Rente. Das funktioniert langfristig nur mit Vollzeitmodellen. Und was viele vergessen: Teilzeit ist auch oft unfreiwillig. Laut einer Studie der IAB sind über 20 % der Teilzeitbeschäftigten gerne bereit, mehr zu arbeiten – können es aber nicht.
Moderatorin:
Das ist ein wichtiger Punkt. Frau Roth, Sie engagieren sich im Netzwerk „Neue Zeitmodelle Bonn“. Was beobachten Sie dort?
Jasmin Roth:
Dass es funktioniert, wenn Unternehmen bereit sind, sich zu bewegen. Wir haben Beispiele von Betrieben, die 32-Stunden-Wochen eingeführt haben – mit gleichem Gehalt. Die Produktivität ist gleich geblieben oder sogar gestiegen, weil die Mitarbeitenden motivierter, konzentrierter und zufriedener arbeiten. Es ist ein Umdenken nötig – nicht weniger Leistung, sondern klügere Organisation.
Daniel Kruse:
Das mag in kreativen Berufen funktionieren – aber nicht überall. In der Produktion, im Gesundheitswesen, bei der Polizei? Wir brauchen auch Leute, die zu klassischen Zeiten verlässlich da sind. Das wird oft vergessen. Und: Wer weniger arbeitet, zahlt weniger in die Rentenversicherung ein – ein massives Problem für den Sozialstaat.
Moderatorin:
Aber ist es nicht Aufgabe der Politik, neue Lösungen zu schaffen? Finnland etwa diskutierte schon 2020 offen über eine 4-Tage-Woche. Und in Belgien wurde sie 2022 sogar unter bestimmten Bedingungen gesetzlich möglich gemacht.
Jasmin Roth:
Und genau das brauchen wir: politische Rahmenbedingungen, damit Teilzeit kein Karrierekiller ist. Es kann nicht sein, dass Eltern – meist Mütter – zehn Jahre in Teilzeit arbeiten und dann in der Altersarmut landen. Teilzeit darf keine Falle sein, sondern eine echte Wahl.
Daniel Kruse:
Ich bin dafür, dass Menschen wählen dürfen – aber mit allen Konsequenzen. Wer sich für Teilzeit entscheidet, muss auch akzeptieren, dass es finanziell und karrieretechnisch langsamer vorangehen kann. Das ist fair. Aber ich warne davor, Vollzeit zu verteufeln. Viele Menschen arbeiten gern Vollzeit. Ich übrigens auch.
Jasmin Roth:
Aber nur, weil es immer so war, muss es nicht immer so bleiben. Vor 50 Jahren hat man geraucht im Büro. Heute unvorstellbar. Warum nicht auch bei Arbeitszeiten umdenken?
Moderatorin:
Ein spannender Vergleich! Herr Kruse, Frau Roth, ich danke Ihnen für Ihre lebendige Diskussion. Und Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, wünschen wir einen entspannten Abend – egal, ob nach acht Stunden Arbeit oder nach einem halben Tag. Bis nächste Woche, bei „Forum am Freitag“.
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