Früh in die Betreuung – Ja oder Nein?
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Moderatorin: Guten Abend, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, und herzlich willkommen zur heutigen Ausgabe unserer Sendung „Forum am Freitag“. Unser Thema heute: „Früh in die Betreuung – Ja oder Nein?“. Sollen Kleinkinder unter drei Jahren in eine Kinderkrippe gehen oder nicht? Die Meinungen gehen auseinander – und genau deshalb diskutieren wir heute mit zwei Gästen, die dazu sehr unterschiedliche Perspektiven haben.
Aus Klingenstadt ist Frau Alina Meier zugeschaltet. Sie ist Mutter von zwei Kindern, die aktuell zu Hause betreut werden. Ebenfalls bei uns ist Herr Jonas Fendt aus dem Ort Waldhagen. Seine Zwillinge sind drei Jahre alt und besuchen seit anderthalb Jahren eine städtische Kinderkrippe. Frau Meier, Sie haben sich schon früh gegen die Fremdbetreuung entschieden. Was war der Grund?
Alina Meier: Ich bin der Überzeugung, dass die ersten drei Lebensjahre entscheidend für die emotionale Entwicklung eines Kindes sind. Studien aus Skandinavien zeigen, dass eine stabile Bindung zu einer Hauptbezugsperson in dieser Phase besonders wichtig ist. Ich möchte einfach nicht, dass mein Kind eine Erzieherin „Mama“ nennt. Das fühlt sich für mich falsch an.
Moderatorin: Herr Fendt, wie erleben Sie das mit Ihren Kindern?
Jonas Fendt: Also unsere Zwillinge wissen ganz genau, wer ihre Eltern sind. Da gab’s nie Verwechslungen. Aber wir merken, wie positiv sie sich entwickeln. Sie lernen Rücksichtnahme, Teilen, einfache Konfliktlösung – und das schon mit zwei Jahren. Das ist doch wertvoll, gerade wenn man bedenkt, dass soziale Kompetenzen heute genauso wichtig sind wie kognitive Fähigkeiten.
Alina Meier: Ich finde, soziale Fähigkeiten entwickeln sich sowieso. Mein älterer Sohn ist jetzt vier und geht in den Kindergarten – und da lernt er genau das. Aber ein zweijähriges Kind braucht vor allem Nähe und Geborgenheit – keine Gruppe mit zwölf anderen Kleinkindern.
Moderatorin: Es gibt ja auch einen praktischen Aspekt. Für viele Eltern ist der Besuch der Krippe nötig, um arbeiten zu können. Herr Fendt, war das bei Ihnen der Hauptgrund?
Jonas Fendt: Sicher auch, aber nicht nur. Es geht nicht nur ums Geld. Meine Frau ist Biologin und arbeitet in einem Forschungsprojekt. Wäre sie drei Jahre raus aus dem Beruf, gäbe es keinen Wiedereinstieg. Sie würde ihr ganzes Team verlieren. Und ich arbeite in der Stadtverwaltung. In Deutschland kehren 68 % der Mütter innerhalb der ersten zwei Jahre nach der Geburt in den Beruf zurück – das zeigt, wie groß der Druck ist.
Alina Meier: Aber Kinder sind doch keine Störfaktoren im Lebenslauf. Wenn man sich entscheidet, Kinder zu bekommen, dann sollte man ihnen auch die notwendige Zeit widmen – auch wenn das bedeutet, beruflich für ein paar Jahre kürzerzutreten.
Jonas Fendt: Ich denke nicht, dass sich das ausschließt. Meine Frau war selbst in den 90er Jahren in der Krippe und hat es als schön in Erinnerung. Unsere Kinder erzählen begeistert, was sie gemacht haben: Basteln, Singen, Toben im Garten – das ist keine „Aufbewahrung“, das ist ein pädagogisches Angebot.
Moderatorin: Das bringt uns zur nächsten Frage: Ist es nicht sogar ein Vorteil, dass Kinder in der Krippe Dinge erleben, die zu Hause vielleicht nicht möglich wären?
Alina Meier: In der Theorie vielleicht. Aber in der Praxis ist es oft so, dass eine Erzieherin auf acht oder mehr Kinder kommt. Da bleibt wenig Raum für individuelle Förderung. Ich kann zu Hause gezielt auf die Interessen meiner Kinder eingehen – und das ohne Zeitdruck.
Jonas Fendt: In unserer Einrichtung gibt es kleine Gruppen mit maximal sechs Kindern und zwei Fachkräften. Es gibt klare Tagesstrukturen, kreative Angebote und regelmäßige Elterngespräche. Außerdem lernen Kinder, sich auch mal alleine zu beschäftigen und nicht permanent im Mittelpunkt zu stehen – das stärkt die Selbstständigkeit.
Moderatorin: Also hängt viel von der Qualität der Betreuung ab?
Jonas Fendt: Auf jeden Fall. In größeren Städten gibt es leider oft zu wenig Personal. In München zum Beispiel liegt der Betreuungsschlüssel teils bei 1:9 – das ist zu viel. In Waldhagen haben wir da mehr Glück. Aber generell müsste mehr in frühkindliche Bildung investiert werden.
Moderatorin: Frau Meier, würden Sie denn befürworten, dass mehr Steuergelder in die Kinderbetreuung fließen, obwohl Sie diese selbst nicht nutzen?
Alina Meier: Ich finde es grundsätzlich gut, wenn Eltern, die arbeiten müssen oder möchten, auch eine gute Betreuung bekommen. Das dient der Chancengleichheit. Aber ich finde es problematisch, wenn Krippen zur Norm werden und Eltern, die ihre Kinder zu Hause betreuen, fast als altmodisch gelten.
Jonas Fendt: Aber ist es nicht fortschrittlich, wenn Familie und Beruf vereinbar werden? In Frankreich ist es seit 1981 selbstverständlich, dass Kinder ab dem zweiten Lebensjahr in die „crèche“ gehen. Das hat die Gleichstellung der Geschlechter gefördert – und die Bildungskarrieren vieler Kinder verbessert.
Moderatorin: Ein spannender Aspekt. Am Ende scheint es vor allem darum zu gehen, dass jede Familie die für sie passende Entscheidung treffen kann – und dafür gute Bedingungen vorfindet. Frau Meier, Herr Fendt, vielen Dank für Ihre Gedanken. Und Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, einen angenehmen Abend. Bis zur nächsten Sendung von „Forum am Freitag“.
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