Soziales Jahr / soziale Arbeit
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Moderator: Guten Abend, liebe Hörerinnen und Hörer, und willkommen bei „Standpunkte“. Jedes Jahr im Sommer stehen Tausende junge Menschen nach dem Abitur vor derselben Frage: sofort an die Uni, mit dem Rucksack nach Australien – oder zwölf Monate im Krankenhaus, in der Kita oder im Altenheim? Unser Thema heute: „Ein Jahr für andere – lohnt sich das?“ Bei mir im Studio sind Professor Konrad Schneidt, er ist Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Mannheim, und Anja Ebert, sie unterrichtet Deutsch und Biologie an einer Gesamtschule in Heidelberg und begleitet dort seit Jahren Jugendliche auf diesem Weg. Frau Ebert, Sie waren nach der Schule selbst ein Jahr unterwegs. Wo hat es Sie denn damals hingezogen?
Anja Ebert: In ein Hospiz für Kinder in Bremen. Ich war neunzehn und hatte vorher ehrlich gesagt noch nie ein Krankenhaus von innen gesehen. Die ersten Wochen hatte ich zwar furchtbare Angst, vor allem nachts, aber dann habe ich mit den Kindern gemalt, gesungen und auch geweint. Ich glaube, in diesen zwölf Monaten habe ich mehr über das Leben gelernt als in dreizehn Jahren Unterricht.
Konrad Schneidt: Das glaube ich Ihnen sofort, Frau Ebert. Nur: Sie wussten damals offenbar schon ziemlich genau, wohin Sie wollten. Viele meiner Erstsemester kommen aus so einem Jahr zurück und sind ratloser als vorher.
Anja Ebert: Bei meinen Schülern erlebe ich oft das Gegenteil. Letzten Sommer kam Leon zu mir, der wollte unbedingt Medizin studieren, weil sein Vater Arzt ist. Nach drei Monaten auf der Station hat er mir geschrieben: „Frau Ebert, das ist nichts für mich, ich kann kein Blut sehen.“ Heute macht er eine Ausbildung zum Tischler und ist glücklich wie nie. Ich denke, so ein Jahr zeigt vielen ziemlich schnell, wohin ihr Weg gehen soll – und wohin eben nicht.
Moderator: Herr Professor Schneidt, Sie sehen das Ganze etwas kritischer. Was haben Sie denn eigentlich nach dem Abitur gemacht?
Konrad Schneidt: Ich war Zivildienstleistender, damals hatte man ja keine Wahl. Ich habe fünfzehn Monate lang Essen auf Rädern ausgefahren, in einem alten VW-Bus ohne Heizung. Im Januar habe ich mit Handschuhen und Mütze am Steuer gesessen, und die Suppe war bei der letzten Adresse meistens schon kalt. Meine Mutter hat mir jeden Morgen eine Thermoskanne Tee mitgegeben.
Anja Ebert: Heute ist das zum Glück freiwillig, und man kann viel mehr daraus machen. Eine ehemalige Schülerin von mir, Mira, ist zum Rettungsdienst gegangen. Am Anfang hat sie nur Decken gefaltet und den Wagen geputzt. Aber nebenbei hat sie den Kurs zur Rettungssanitäterin gemacht, mit richtiger Prüfung, und im Frühjahr stand sie bei einem Herzinfarkt neben dem Notarzt, als wäre sie seit zehn Jahren dabei. Ich finde, da kann aus einer Anfängerin in kurzer Zeit wirklich eine Fachfrau werden.
Moderator: Und was macht Mira heute?
Anja Ebert: Sie hat sich einen alten Krankenwagen gekauft und zum Wohnmobil umgebaut. Letzten Monat hat sie mir eine Postkarte aus Portugal geschickt – mit Blaulicht auf dem Foto.
Konrad Schneidt: Das ist eine schöne Geschichte, keine Frage. Mein eigener Neffe war auch zwölf Monate in einem Kindergarten in Lübeck, und er hat begeistert davon erzählt: von den Kindern, den Ausflügen, dem Sommerfest. Aber wenn ich ehrlich bin: Danach hat er drei Semester gebraucht, um wieder ins Lernen zu kommen, und seine Schulfreunde hatten da schon fast den Bachelor in der Tasche. Ich glaube, für viele sind diese Monate am Ende einfach verlorene Monate.
Moderator: Das klingt jetzt aber ziemlich hart, Herr Professor.
Konrad Schneidt: Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin ja nicht gegen das Helfen. Ich gehe selbst jeden zweiten Sonntag mit meinem Sohn ins Seniorenheim bei uns in der Straße. Wir spielen Schach mit Herrn Krämer, der ist einundneunzig, und mein Sohn liest den Damen aus der Zeitung vor. Dafür brauchen wir keinen Vertrag, keinen Ausweis und keinen Verein. Ich denke, für so etwas muss man nirgendwo eingetragen sein.
Moderator: Und wer gewinnt beim Schach?
Konrad Schneidt: Herr Krämer, jedes Mal. Er hat früher bei Turnieren gespielt und zeigt meinem Sohn jeden Sonntag einen neuen Trick. Mein Sohn sagt, das ist besser als jede App.
Anja Ebert: Das finde ich toll. Aber über eine Organisation ist man wenigstens versichert, und es gibt jemanden, der einen anleitet. Mira hätte ohne ihren Ausbilder nie einen Verband anlegen können.
Moderator: Bei vielen Rentnern sieht man ja etwas Ähnliches: Die helfen vormittags bei der Tafel und gehen nachmittags noch irgendwo putzen oder Zeitungen austragen – aber oft eher, weil ihnen zu Hause die Decke auf den Kopf fällt.
Konrad Schneidt: Bei einem Neunzehnjährigen geht es dagegen schlicht ums Überleben. Für so einen Dienst bekommt man ein paar hundert Euro im Monat. Davon kann in München oder Hamburg niemand ein WG-Zimmer bezahlen. Eine Studentin von mir hat deshalb neben ihrer Arbeit im Kinderheim dreimal in der Woche bis Mitternacht gekellnert. Ich glaube, wer in dem Alter etwas für andere macht, muss trotzdem nebenbei ordentlich etwas reinbekommen – sonst geht die Rechnung einfach nicht auf.
Moderator: Ich habe vor meiner Zeit beim Radio übrigens sechs Jahre in einer Personalabteilung gearbeitet. Wenn da ein Stapel mit zweihundert Mappen auf dem Tisch lag, sind mir die mit so einem Jahr immer sofort ins Auge gefallen. Da wusste ich: Diese Person hat schon mal früh aufstehen müssen und Verantwortung getragen. Die kamen bei mir fast immer in die zweite Runde.
Konrad Schneidt: Bei uns an der Uni zählt am Ende der Notendurchschnitt. Da fragt keiner, was Sie mit neunzehn gemacht haben.
Moderator: Wenn ich Ihnen beiden so zuhöre: Ersetzen kann so ein Jahr weder ein Studium noch eine Ausbildung, und nicht überall passt es in jeden Plan hinein. Aber als Extra, das man obendrauf legt, macht es das Ganze für mich einfach runder – so wie das Salz in der Suppe.
Anja Ebert: Genau! Und Mira sagt heute noch, sie würde es sofort wieder machen.
Moderator: Herr Professor Schneidt, Frau Ebert, vielen Dank für dieses spannende Gespräch. Liebe Hörerinnen und Hörer, wie sehen Sie das? Rufen Sie uns an oder schreiben Sie uns!
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