Geschenke
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Moderatorin: Guten Abend, liebe Hörerinnen und Hörer, und willkommen bei „Zwischen den Zeilen“. Bald beginnt wieder die Zeit, in der die Innenstädte voll sind und die Paketboten kaum noch hinterherkommen. Unser Thema heute: „Päckchen, Pflicht und Freude“. Bei mir im Studio sind Professor Henrik Lammers, er ist Kulturwissenschaftler an der Universität Göttingen, und Katia Petrova, Grafikdesignerin aus Leipzig, die ursprünglich aus Sofia kommt. Ich muss ja zugeben, ich habe in letzter Zeit einiges gelernt. Auf der letzten Hochzeit, zu der ich eingeladen war, stand am Eingang statt eines Gabentischs eine große Glasbox für Umschläge. Und mein Patenkind wünscht sich zum Geburtstag inzwischen nur noch Scheine im Briefumschlag. Darüber wundert sich heute kaum noch jemand. Frau Petrova, wie ist das bei Ihnen – Umschlag oder Päckchen mit Schleife?
Katia Petrova: Päckchen, ganz klar! Wenn mir meine Oma früher einen Umschlag in die Hand gedrückt hätte, hätte ich gedacht, sie hatte keine Zeit für mich. Bei uns hat sie monatelang gestrickt – Pullover, Mützen, einmal sogar einen Schal, der fast drei Meter lang war.
Moderatorin: Herr Professor Lammers, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit diesem Thema. Wie kommt man eigentlich auf so etwas?
Henrik Lammers: Ganz ehrlich? Durch einen Studentenjob. Mit zwanzig habe ich im Dezember im Kaufhaus am Packtisch gestanden, zwei Wochen lang, von morgens bis abends. Am ersten Tag habe ich für ein einziges Päckchen zehn Minuten gebraucht, und die Schleife sah aus wie ein müder Regenwurm. Am Ende waren es dreihundert am Tag. Seitdem packe ich in unserer Familie jedes Jahr für alle ein – meine Frau sagt, das ist das Einzige, was ich wirklich perfekt kann.
Moderatorin: Apropos Päckchen: Mir ist da letztes Jahr etwas passiert. Meine älteste Schulkameradin hat mir schon eine Woche vor meinem Geburtstag am Telefon erzählt, dass sie Karten für mein Lieblingskonzert besorgt hat. Ich habe mich wahnsinnig gefreut, wirklich, wir sind zusammen hingegangen und es war ein toller Abend. Aber an dem Morgen selbst lag dann dieser Umschlag auf dem Tisch, und ich wusste ja schon alles. Seitdem ärgere ich mich jedes Mal, wenn jemand Wochen vorher ausplaudert, was unter dem Baum liegen wird. Ich finde, das ist fast so, als würde einem jemand das Ende eines Krimis erzählen, bevor man das erste Kapitel gelesen hat.
Henrik Lammers: Aus Sicht der Forschung ist das gar nicht so dumm, was Ihre Schulkameradin gemacht hat. Wer vorher Bescheid sagt, verhindert, dass jemand drei gleiche Toaster bekommt. Viele Paare sprechen inzwischen ganz offen darüber und schreiben sich sogar Wunschlisten.
Katia Petrova: Mag sein, aber für mich zählt etwas ganz anderes. Mein Mann hat mir vor ein paar Wochen an einem ganz normalen Dienstag Blumen mitgebracht – ohne Geburtstag, ohne Hochzeitstag, einfach so. Ich stand in der Küche und war völlig sprachlos. Ich glaube, genau dieser Moment, wenn man mit gar nichts rechnet, ist eigentlich das Schönste an der ganzen Sache.
Henrik Lammers: Blumen an einem Dienstag? Meine Frau würde sofort fragen, was ich angestellt habe.
Katia Petrova: Genau das hat meine Mutter am Telefon auch gefragt! Aber nein, er hatte wirklich nichts angestellt – jedenfalls nichts, wovon ich weiß.
Henrik Lammers: In vielen Familien gilt allerdings: Was man bekommt, behält man. Alles andere wäre unhöflich.
Katia Petrova: Dann bin ich wohl ziemlich unhöflich. Letztes Weihnachten hat mir meine Tante eine riesige Katze aus Porzellan mitgebracht, mit goldenen Augen. Ich habe natürlich gesagt: „Oh, die ist ja wunderschön!“ – was hätte ich denn sonst sagen sollen? Ich wollte meine Tante doch nicht kränken. Die Katze steht jetzt aber nicht in meinem Wohnzimmer – ich habe sie über eine Kleinanzeigen-Seite für zwanzig Euro an eine Frau in Halle abgegeben. Und mit drei Mädels aus meinem Yoga-Kurs mache ich jedes Jahr im Januar einen Abend: Jede bringt mit, was ihr nicht gefällt, und dann wandert alles einmal im Kreis. Ich denke, das ist doch besser, als wenn die Sachen im Keller verstauben.
Moderatorin: Weihnachten ist bei uns ja der große Termin für Päckchen und Pakete. Im Dezember stehen die Leute in der Post bis auf die Straße.
Katia Petrova: Für mich war das am Anfang ganz komisch. Bei uns in Sofia war ein anderer Tag viel wichtiger: Ende November ist mein Namenstag, und da ruft mich die halbe Verwandtschaft an, die Nachbarn bringen Blumen, und im Büro gibt es Kuchen. Hier in Leipzig weiß nicht einmal mein Mann, dass das für mich ein besonderer Tag ist. Ich glaube, jede Kultur hat da einfach ihren eigenen Kalender.
Moderatorin: Und wie feiert man so einen Namenstag?
Katia Petrova: Vor allem mit viel Essen! Meine Oma backt dann eine Banitsa, das ist ein Strudel mit Schafskäse, und die Nachbarn kommen einfach vorbei, ganz ohne Einladung. Man kocht immer für zehn Leute mehr, als man erwartet. Als Kind fand ich das herrlich, weil an diesem Tag niemand gefragt hat, ob ich meine Hausaufgaben gemacht habe.
Moderatorin: Bei Kindern ist es ja zum Glück ganz einfach: Ein Päckchen zeigt ihnen vor allem, dass man sie lieb hat.
Henrik Lammers: Bei Erwachsenen ist das ein bisschen komplizierter. Ich habe zum Beispiel einen ehemaligen Doktoranden, der seit fünfzehn Jahren in Kanada lebt. Wir haben uns seitdem kein einziges Mal gesehen. Aber jedes Jahr im Dezember schicke ich ihm eine Packung Lebkuchen aus Göttingen, und er schickt mir Ahornsirup zurück. Ich denke, so eine kleine Sendung hält Menschen zusammen, die sich sonst längst aus den Augen verloren hätten.
Katia Petrova: Wie romantisch! Mein Mann schickt seinen alten Studienkollegen höchstens ein Daumen-Symbol aufs Handy.
Henrik Lammers: Auch so ein Daumen kann viel sagen. Aber mal im Ernst: Ganz so frei, wie viele denken, ist man dabei nicht. Wenn mir ein neuer Kollege zum Einstand eine Flasche Wein für zweihundert Euro hinstellt, bin ich eher erschrocken als froh. Ich glaube, auch hier gibt es ungeschriebene Gesetze: nicht zu teuer, nicht zu billig – und wer etwas bekommt, gibt beim nächsten Mal etwas zurück.
Katia Petrova: Bei uns im Yoga-Kurs ist alles erlaubt, sogar selbst gestrickte Socken in Neonfarben.
Moderatorin: Ich habe übrigens zu meiner Hochzeit zwei Fondue-Sets und eine Salatschleuder bekommen. Die Salatschleuder benutze ich bis heute, die beiden Fondue-Sets stehen immer noch originalverpackt im Schrank.
Katia Petrova: Dann bringen Sie die doch im Januar zu uns in den Yoga-Kurs mit!
Moderatorin: Bei uns zu Hause gibt es gerade ganz andere Sorgen: Mein Sohn wünscht sich zur Konfirmation ein Mountainbike für neunhundert Euro. Da muss ich wohl noch eine ganze Weile sparen.
Henrik Lammers: Oder Sie machen es wie meine Familie damals. Als ich zehn war, wollte ich unbedingt ein rotes Rennrad. Meine Großmutter hat den Rahmen übernommen, mein Onkel das Licht und die Klingel, und meine Eltern den Rest. Am Geburtstag stand das Rad mit einer riesigen Schleife im Flur, und auf der Karte standen sieben Namen. Heute erzählen mir meine Studenten genau das Gleiche. Ich denke, so etwas Großes stemmt heute kaum noch einer allein – da legen Oma, Tante und Patenonkel eben zusammen.
Moderatorin: Herr Professor Lammers, Frau Petrova, vielen Dank für dieses interessante Gespräch. Liebe Hörerinnen und Hörer, was war Ihr schönstes oder vielleicht auch Ihr seltsamstes Geschenk? Rufen Sie uns an oder schreiben Sie uns!
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