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Moderator: Guten Tag, liebe Hörerinnen und Hörer, und herzlich willkommen zur „Mittagsrunde“. Grüne Siegel, wohin man schaut: Im Supermarkt, beim Bäcker und sogar an der Tankstelle gibt es heute Lebensmittel aus ökologischer Landwirtschaft. Aber gehört so etwas auch jeden Tag auf den Teller? Darüber spreche ich heute mit zwei Gästen: Rainer Vogt ist Geschäftsführer einer Großküche, die jeden Tag Schulen und Kitas im Raum Stuttgart beliefert, und Sandra Köhler ist Erzieherin in einer Kita in Esslingen. Frau Köhler, Ihre Kita hat vor einem Jahr ihre Küche umgestellt. Wie kam es dazu?
Sandra Köhler: Das ging eigentlich von den Eltern aus. Auf einem Elternabend hat ein Vater gefragt, warum die Kinder bei uns jeden Tag Gemüse aus der Dose bekommen. Danach hat sich eine kleine Gruppe gegründet, wir haben einen Hochbeet-Garten hinter dem Haus angelegt, und seitdem kochen wir etwa zur Hälfte mit Zutaten vom Öko-Hof. Die Eltern zahlen dafür im Monat ungefähr fünfzehn Euro mehr, und ehrlich gesagt hat sich kaum jemand beschwert.
Moderator: Herr Vogt, wie sieht denn bei Ihnen ein ganz normaler Arbeitstag aus?
Rainer Vogt: Der beginnt um vier Uhr morgens, wenn die ersten Köche kommen, und um halb zwölf müssen achthundert Portionen in den Transportern sein. Da darf nichts schiefgehen. Letzten Monat hat mich eine Kita gefragt, ob wir nicht komplett auf ökologische Zutaten umstellen können. Ich habe überhaupt nichts gegen die Idee, im Gegenteil. Aber ich habe es einmal durchgerechnet: Pro Teller wären das gut einen Euro achtzig mehr. Bei zwanzig Kindern und zweihundert Tagen im Jahr ist das für eine kleine Kita schnell ein Kleinwagen. Und das zahlt am Ende weder die Stadt noch jede Familie.
Sandra Köhler: Ein Kleinwagen? Bei uns sind es, wie gesagt, fünfzehn Euro pro Familie, und die meisten finden das völlig in Ordnung.
Rainer Vogt: Bei zwanzig Kindern mag das gehen. Aber selbst wenn das Geld da wäre: Für achthundert Portionen am Tag finden Sie in unserer Region kaum einen Hof, der jede Woche zuverlässig diese Mengen liefern kann. Letzten Herbst hat uns ein Öko-Lieferant drei Tage vorher abgesagt – Hagel, keine einzige Möhre. Da stehen Sie dann um fünf Uhr früh in der Küche und telefonieren halb Baden-Württemberg ab.
Moderator: Frau Köhler, und wie kommt das Ganze bei den Kindern an?
Sandra Köhler: Erstaunlich gut. Die Möhren aus unserem Hochbeet essen sie roh wie Süßigkeiten, und neulich wollte ein Junge sogar das Rezept für die Linsensuppe mit nach Hause nehmen. Seine Mutter war ziemlich überrascht.
Rainer Vogt: Ich will niemandem zu nahe treten. Aber wir hatten im Frühjahr zwei Wochen lang Vollkornnudeln aus ökologischem Anbau im Angebot. Die Schüler haben sie höflich „interessant“ genannt und dann die Teller halb voll zurückgebracht. Meine eigene Frau kauft inzwischen nur noch im Naturkostladen ein, und ich gebe zu: Ich freue mich jeden Montag auf das ganz normale Schnitzel aus unserer Kantine.
Moderator: Kommen wir noch einmal auf den Geldbeutel zurück. Viele Familien stehen im Supermarkt vor dem Regal und rechnen jeden Cent nach.
Sandra Köhler: Das kenne ich gut, wir haben selbst drei Kinder. Aber man muss ja nicht blind einkaufen. Und überhaupt: Ich schaue jeden Donnerstagabend auf dem Tablet nach, was bei den Supermärkten in der Nähe in der nächsten Woche reduziert ist. Außerdem gibt es eine App, die mir zeigt, welcher Hofladen heute krummes Gemüse günstiger abgibt. So spare ich jeden Monat bestimmt dreißig Euro.
Moderator: Das klingt nach einer Menge Planung.
Sandra Köhler: Ja, und ehrlich gesagt gibt es auch Dinge, die mich ärgern. Die Äpfel und Bananen vom Öko-Hof sehen am Montag wunderschön aus, und am Mittwoch haben sie schon braune Stellen, weil sie nicht gespritzt sind. Deshalb müssen wir in der Kita zweimal pro Woche einkaufen statt einmal, und manches landet trotzdem auf dem Kompost.
Moderator: Viele Supermärkte haben ja inzwischen ein ganzes Regal nur mit Öko-Waren.
Sandra Köhler: Ja, und für Nudeln, Reis oder Haferflocken ist das auch völlig in Ordnung. Aber frisches Brot, Käse vom Hof oder Fleisch, bei dem ich weiß, wo das Tier gelebt hat – das finde ich da nicht. Dafür fahre ich mit dem Fahrrad in den kleinen Naturkostladen bei uns um die Ecke oder samstags auf den Markt zum Stand von Familie Baumann. Anders geht es leider nicht.
Rainer Vogt: Mit dem Fahrrad zum Markt, das klingt schön. Für achthundert Portionen bräuchte ich allerdings einen ganzen Lastwagen voller Fahrräder.
Moderator: Aber ist das alles wirklich so gut für die Natur, wie es klingt? Im Winter liegen bei uns im Supermarkt Öko-Tomaten aus Spanien und Öko-Äpfel aus Neuseeland. Die haben eine halbe Weltreise mit dem Schiff oder dem Lastwagen hinter sich. Da frage ich mich ehrlich, was so ein Siegel dann noch für das Klima bringt.
Sandra Köhler: Genau! Deshalb kaufe ich im Winter lieber Äpfel vom Bodensee, auch wenn sie kein grünes Siegel haben.
Moderator: Zum Schluss, Frau Köhler: Ihre Kita kocht jetzt seit einem Jahr anders. Merken Sie einen Unterschied bei den Kindern?
Sandra Köhler: Sie essen auf jeden Fall mehr Gemüse als früher, und darauf bin ich ehrlich gesagt ein bisschen stolz.
Rainer Vogt: Das freut mich wirklich, und ich will ja auch niemandem den Appetit verderben. Aber letztens hat mir meine Tochter stolz einen Schokoriegel mit Öko-Siegel gezeigt – mit genauso viel Zucker wie jeder andere. Ein Öko-Gummibärchen bleibt eben ein Gummibärchen. Da finde ich einfach: Nur weil ein grünes Siegel draufklebt, wird noch lange kein Vitaminpaket daraus.
Moderator: Frau Köhler, Herr Vogt, vielen Dank für dieses interessante Gespräch. Liebe Hörerinnen und Hörer, wie halten Sie es mit dem Einkauf? Rufen Sie uns an oder schreiben Sie uns!
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