Macht künstliche Intelligenz die nächste Generation klüger?
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Moderatorin: Hallo, liebe Hörerinnen und Hörer, und willkommen bei „Blickpunkt“. Unser Thema an diesem Nachmittag: „Macht künstliche Intelligenz die nächste Generation klüger?“ Dazu begrüße ich im Studio Herrn Martin Seidel, er unterrichtet Mathematik und Informatik an einer Gesamtschule in Kassel, und Melanie Kraus, sie studiert Lehramt und gibt nebenbei Nachhilfe für Grundschulkinder. Frau Kraus, viele Kinder hören heute von Oma und Opa Sätze wie „Wir mussten uns damals noch den Kopf zerbrechen!“ oder „Ihr lasst ja alles von der Maschine machen!“. Ist da etwas dran? Oder ist die junge Generation am Ende sogar klüger als alle vor ihr?
Melanie Kraus: Ach, ehrlich gesagt, das kann ich schwer beurteilen, ich weiß ja nicht genau, was man früher in der Schule alles können musste. Ich glaube aber, in einem Bereich sind die Jungen heute klar vorne. Meine Mutter kann zwar einen Kuchen ohne Rezept backen und ein Fahrrad reparieren, aber wenn sie am Fernseher eine neue App einrichten will, ruft sie meinen zwölfjährigen Bruder – und der braucht dafür ungefähr zehn Sekunden.
Moderatorin: Herr Seidel, Sie stehen seit über zwanzig Jahren vor einer Klasse. Haben die Großeltern recht? Strengen sich Kinder heute weniger an, weil ihnen ein Programm die Arbeit abnimmt?
Martin Seidel: Das sagt jede Generation über die nächste. Aber im Ernst: Kinder denken heute nicht weniger, sie denken anders. Hunderte Jahreszahlen im Kopf zu haben ist zum Beispiel nicht mehr so wichtig, denn das findet man in zwei Sekunden im Netz. Dafür werden Kreativität und Teamarbeit immer wichtiger. Die Kinder sollen eigene Ideen entwickeln und Probleme durchdenken. Und richtig hängen bleibt etwas erst, wenn man es mit eigenen Händen testet: das kleine Programm, das der Chatbot vorschlägt, wirklich am Computer laufen lässt oder den Versuch aus dem Biologiebuch zu Hause nachbaut.
Melanie Kraus: In meiner Nachhilfegruppe haben wir neulich mit einem KI-Programm ein Comicheft gemacht. Die Kinder haben sich die Geschichte ausgedacht, das Programm hat die Bilder gezeichnet, und dann haben sie eine halbe Stunde darüber gestritten, ob der Drache grün oder lila sein soll. (lacht) Außerdem haben sie sich gegenseitig geholfen: Wer schon schreiben konnte, hat den anderen die Sprechblasen diktiert. Kinder, die sonst nach zehn Minuten auf die Uhr schauen, wollten an diesem Nachmittag plötzlich gar nicht mehr nach Hause. Und das Komische ist: Die Rechtschreibung im Comic war besser als in jedem Diktat.
Moderatorin: Herr Seidel, die Nachhilfegruppe von Frau Kraus ist ein schönes Beispiel dafür, wie Kinder mit neuer Technik kreativ werden, statt nur still abzuschreiben. Und auch später im Beruf wird fast jeder mit solchen Programmen arbeiten müssen. Trotzdem sitzen die Kinder in den meisten Klassenzimmern noch genauso vor Heft und Kreidetafel wie vor dreißig Jahren.
Martin Seidel: Stimmt, das heißt aber nicht, dass sie deshalb weniger mitnehmen. Außerdem brauche ich keinen Chatbot, wenn ich das Einmaleins abfrage oder ein Diktat schreiben lasse. Allerdings weiß man nach ein paar Jahren im Beruf eins: In einer Klasse mit achtundzwanzig Schülern sitzen achtundzwanzig verschiedene Köpfe. Der eine versteht Bruchrechnen erst, wenn er eine Pizza auf dem Bild sieht, die andere braucht drei ruhige Erklärungen, und der Dritte will die Aufgabe sofort an der Tafel vorrechnen. Genau da könnte so ein Programm eine echte Hilfe sein, weil es geduldig zehnmal anders erklären kann.
Moderatorin: Frau Kraus, wie arbeiten Sie denn selbst lieber – mit KI oder ganz klassisch mit Büchern?
Melanie Kraus: Also, das ist ganz unterschiedlich. In der Bibliothek mit einem dicken Buch sitze ich manchmal drei Stunden an einer Sache und merke gar nicht, wie die Zeit vergeht. Für Zusammenfassungen ist der Chatbot natürlich super, das geht viel schneller. Aber wenn ich mit ihm an einer Hausarbeit sitze, frage ich ihn nach fünf Minuten plötzlich nach einem Rezept für Lasagne oder nach dem Wetter in Lissabon – und schon ist eine Stunde weg.
Moderatorin: Mal eine andere Frage: Früher mussten wir im dicken Lexikon blättern, wenn wir etwas wissen wollten. Heute tippt ein Zehnjähriger eine Frage ein und hat zwei Sekunden später einen fertigen Text auf dem Bildschirm. Werden unsere Kinder damit klüger als ihre Eltern?
Martin Seidel: Ganz klar, an Informationen fehlt es heute keinem Kind, da haben sie uns viel voraus. Aber letzte Woche hat mir ein Schüler einen wunderbaren Aufsatz über den Wasserkreislauf abgegeben. Als ich ihn gefragt habe, warum es eigentlich regnet, hat er nur mit den Schultern gezuckt. Den Text hatte das Programm geschrieben – in seinem Kopf war davon nichts angekommen.
Melanie Kraus: Ob uns das wirklich weiterbringt, weiß ich auch nicht. Manchmal erfindet so ein Chatbot einfach Dinge, die gar nicht stimmen. Man darf ihm nicht alles glauben, was er so überzeugt erzählt.
Moderatorin: Die Programme werden immer schlauer, aber Klassenarbeiten schreiben die Kinder immer noch allein mit Stift und Papier. Frau Kraus, zum Schluss: Wie hält es denn eigentlich Ihr kleiner Bruder mit dem Sprachassistenten?
Melanie Kraus: Der redet mit dem Ding mehr als mit mir! Er löchert ihn den ganzen Tag mit Fragen über Haie und Vulkane. Und das Schöne ist: Danach will er es ganz genau wissen und schleppt stapelweise Bücher aus der Bücherei nach Hause. Ich glaube, wer so lange bohrt, bis er eine Sache wirklich durchschaut hat, kommt im Leben weiter – mit oder ohne Computer.
Moderatorin: Frau Kraus, Herr Seidel, ich danke Ihnen beiden für das interessante und unterhaltsame Gespräch.
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