Freundschaft
Ordnen Sie die Aussagen zu: Wer sagt was?
Lesen Sie jetzt die Aufgaben. Dazu haben Sie 60 Sekunden Zeit.
Moderator: Guten Abend, liebe Hörerinnen und Hörer, und herzlich willkommen bei „Treffpunkt Studio“. Unser Thema heute: Freundschaft. Früher hatte man ein paar gute Freunde, heute haben manche Menschen Hunderte – zumindest im Internet. Aber was ist eigentlich ein echter Freund, und wie viel Zeit haben wir als Erwachsene überhaupt noch für Freundschaften? Darüber spreche ich heute mit zwei Gästen: Tobias Brenner ist Sozialarbeiter in Bremen, und Katrin Wolff ist Journalistin und schreibt für eine Tageszeitung eine Kolumne über den Alltag. Frau Wolff, Herr Brenner, schön, dass Sie da sind. Frau Wolff, fangen wir mit Ihnen an: Was ist für Sie ein echter Freund?
Katrin Wolff: Für mich ist ein echter Freund jemand, den ich auch nach Jahren ohne Kontakt anrufen kann, und nach zwei Minuten ist alles wieder wie früher. Das habe ich gerade letzten Monat erlebt: Am Kölner Hauptbahnhof stand plötzlich eine alte Studienfreundin vor mir. Wir hatten uns acht Jahre nicht gesehen – und dann haben wir bis Mitternacht in einer Kneipe gesessen und gelacht, als wäre nichts gewesen.
Tobias Brenner: Bei mir ist das ziemlich altmodisch: Meine zwei besten Freunde kenne ich seit der Grundschule, und mehr brauche ich eigentlich nicht. Aber ich arbeite in einem Jugendzentrum, und da sehe ich jeden Tag, dass das bei den Jugendlichen ganz anders ist. Letzte Woche saß ein Mädchen bei mir im Büro und hat geweint, weil sie über Nacht fünfzig Follower verloren hatte. Für die jungen Leute ist die Zahl ihrer Online-Freunde fast so wichtig wie die Noten in der Schule. Wer da nur dreißig hat, gilt schnell als Außenseiter.
Moderator: Das klingt, als würden Sie diese Online-Freundschaften ziemlich kritisch sehen.
Tobias Brenner: Nein, so weit würde ich nicht gehen, ich will das gar nicht bewerten. Die Jugendlichen zählen eben ihre Follower – und wir Erwachsenen zählen die freien Abende im Kalender. (lacht)
Moderator: Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Frau Wolff, Sie haben einen Vollzeitjob und zwei Kinder in der Grundschule. Wann sehen Sie da eigentlich noch Ihre Freundinnen?
Katrin Wolff: Seltener als früher, das stimmt. Aber das hat bei mir nichts mit Stress zu tun, sondern mit Prioritäten. Jeden ersten Donnerstag im Monat ist bei uns Freundinnenabend. Da kann im Büro los sein, was will – an diesem Abend bin ich weg, und mein Mann bringt die Kinder ins Bett.
Tobias Brenner: Da beneide ich Sie wirklich. So einen festen Termin habe ich mir zwar auch schon dreimal vorgenommen, aber es hat nie lange geklappt. Wenn ich abends um halb neun aus dem Jugendzentrum komme, noch schnell einkaufen muss und am nächsten Morgen um sieben wieder im Auto sitze, dann bleibt für Treffen mit Freunden einfach keine Kraft mehr. Bei dem Tempo, das wir heute alle haben, telefoniere ich mit meinen beiden Freunden höchstens alle paar Wochen.
Moderator: Neben der Zeit gibt es ja noch ein anderes Problem: den Streit. Frau Wolff, Sie bekommen für Ihre Kolumne viele Briefe von Lesern, deren Freundschaft kaputtgegangen ist. Woran liegt das denn meistens?
Katrin Wolff: Erstaunlich oft an Neid. Die eine bekommt den besseren Job, die andere die größere Wohnung, und plötzlich ist da so eine Kälte zwischen den beiden. Und ehrlich gesagt bin ich selbst auch keine Heilige. Wenn meine Freundin mich zum Essen einlädt und der Braten zäh wie eine Schuhsohle ist, dann sage ich natürlich: „Hm, lecker!“ Ich will ihr doch nicht den ganzen Abend kaputtmachen.
Tobias Brenner: (lacht) Da hätte mein Freund Jörg bei Ihnen keine Chance. Der hat mir vor ein paar Jahren ganz direkt gesagt, dass meine damalige Freundin überhaupt nicht zu mir passt. Ich war wochenlang sauer auf ihn und habe kein Wort mit ihm geredet. Heute bin ich ihm dankbar, denn er hatte recht. Wer mir immer nur das sagt, was ich hören will, ist für mich eher ein Bekannter als ein Freund.
Moderator: Bei mir war es übrigens genau umgekehrt. Ich habe einen sehr guten Freund verloren, und zwar ganz ohne Streit. Ich habe mich einfach immer seltener gemeldet, er sich auch, und irgendwann haben wir uns nur noch zum Geburtstag eine kurze Nachricht geschickt. Seitdem weiß ich: Eine Freundschaft ist wie eine Pflanze im Garten. Wenn man sie nicht regelmäßig gießt, geht sie irgendwann ein.
Katrin Wolff: Genau, und gerade deshalb bin ich so froh über mein Handy. Meine beste Freundin aus der Schulzeit lebt seit zwölf Jahren in Melbourne, also wirklich auf der anderen Seite der Welt. Früher hätten wir uns vielleicht zweimal im Jahr einen langen Brief geschrieben. Heute schickt sie mir morgens eine Sprachnachricht, wenn bei ihr schon Abend ist, und ich antworte in der Mittagspause. Ohne Handy und Videoanrufe wäre diese Freundschaft bestimmt längst eingeschlafen.
Tobias Brenner: Bei Ihnen funktioniert das, aber bei meinen Jugendlichen erlebe ich oft das Gegenteil. Die sitzen zu viert auf dem Sofa im Jugendzentrum, jeder starrt auf sein Handy, und keiner sagt ein Wort. Manchmal schreiben sie sich sogar Nachrichten, obwohl sie direkt nebeneinandersitzen.
Moderator: Herr Brenner, Sie haben vorhin erzählt, dass Sie Ihre beiden besten Freunde schon seit der Grundschule kennen. Davon träumen ja viele Menschen: von dem einen Freund fürs ganze Leben.
Tobias Brenner: Ja, da habe ich wirklich Glück gehabt. Wir haben zusammen Abitur gemacht, zusammen die erste Wohnung gesucht, und letztes Jahr waren beide Trauzeugen auf meiner Hochzeit. Egal, was passiert ist, die beiden sind immer dieselben geblieben.
Katrin Wolff: Das ist wunderbar. So eine Freundin habe ich zwar auch, eben in Melbourne. (lacht) Aber sonst hat sich mein Freundeskreis ständig verändert. Im Studium waren es die Leute aus meiner WG, dann die Kolleginnen aus meiner ersten Redaktion, und seit die Kinder da sind, sind es vor allem andere Mütter und Väter aus der Klasse meiner Kinder. Ich glaube, jede Phase im Leben bringt ihre eigenen Freunde mit.
Tobias Brenner: Das klingt aber ganz schön anstrengend. Da braucht man ja für jeden Freundeskreis einen eigenen Kalender. (lacht)
Katrin Wolff: Ach, gar nicht, im Gegenteil, das macht es sogar leichter. Mit meiner Nachbarin gehe ich zweimal in der Woche joggen, mit einer Kollegin gehe ich ins Kino, weil mein Mann keine Liebesfilme mag, und mit den Eltern aus der Klasse grillen wir am Wochenende. Keiner muss alles mit mir teilen. Jeder hat sozusagen seinen eigenen Platz in meinem Leben.
Moderator: Wenn ich Ihnen beiden so zuhöre, dann ist mir eins klar geworden: Freunde sind auch eine Brücke zu anderen Menschen. Ich habe über meine Freunde die meisten Leute kennengelernt, die mir heute wichtig sind – sogar meine Frau, auf dem Geburtstag eines alten Schulfreundes.
Tobias Brenner: Da hatte ich es leichter: Meine Frau habe ich ganz ohne Freunde kennengelernt, bei einem Fußballturnier, das ich für das Jugendzentrum organisiert habe. (lacht)
Moderator: Frau Wolff, Herr Brenner, vielen Dank für das interessante Gespräch. Und Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, einen schönen Abend – vielleicht ja mit Ihren Freunden!
0 / 8 richtige Optionen
Ihre Fehlermeldung wurde erfolgreich gesendet!
Wählen Sie eine Übungskategorie für Goethe B1
Keine kostenlosen Übungen mehr
Sie haben 5 kostenlose Übungen genutzt. Registrieren Sie sich, um 24 Stunden kostenlosen Zugriff auf alle Funktionen zu erhalten.