Über den Bau eines neuen Einkaufszentrums
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Moderatorin:
Guten Abend, liebe Hörerinnen und Hörer, hier ist „Stadtgespräch“ auf Radio Hagenburg. Wer in den letzten Wochen durch das Nordviertel gefahren ist, hat sie gesehen: die Bauzäune an der Lindenstraße. Dort soll bis Ende 2027 das „Nordpark-Center“ entstehen, mit fast achtzig Geschäften. Ich habe übrigens als Studentin selbst ein paar Jahre im Nordviertel gewohnt, und ich erkenne die Gegend heute kaum wieder. Bei mir im Studio sind Herr Björn Weidner, Leiter des Stadtplanungsamts, und Frau Renate Schulte, Sprecherin der Bürgerinitiative „Unser Nordviertel“. Herr Weidner, viele in der Stadt sagen: Das Center ist doch nur ein Geschenk für einen großen Investor. Was sagen Sie dazu?
Herr Weidner:
Ein Geschenk? Nein. Im Moment fahren unsere Bürgerinnen und Bürger samstags nach Dortmund oder Essen, um einzukaufen, und lassen ihr Geld dort. Aber ehrlich gesagt, mir geht es um etwas anderes. Neulich hat mir eine Frau am Kiosk erzählt, dass ihr Sohn seit zwei Jahren keine Stelle findet. Im Center werden über dreihundert Leute gebraucht: Verkäuferinnen, Hausmeister, Reinigungskräfte, Köche. Ich habe ihr gesagt: Er soll seine Bewerbung gleich im Frühjahr abschicken.
Frau Schulte:
Arbeitsplätze, Arbeitsplätze – das höre ich seit Monaten. Und was ist mit Bäcker Brandt, mit dem Schuhladen von Herrn Özdemir und mit unserem kleinen Blumengeschäft? Wenn das Center aufmacht, sind die nach einem Jahr weg. Da gehen Arbeitsplätze verloren, Herr Weidner!
Moderatorin:
Die kleinen Läden – ein wichtiger Punkt. Ich habe mir übrigens letzte Woche die Pläne im Rathaus angesehen. Neben Mode aus Schweden und Spanien soll es dort auch einen großen japanischen Supermarkt und ein amerikanisches Kaffeehaus geben – so etwas gab es in Hagenburg noch nie. Herr Weidner, wer entscheidet eigentlich, welche Läden dort einziehen?
Herr Weidner:
Das entscheidet der Investor, nicht die Stadt. Wir achten nur darauf, dass auch ein Supermarkt mit normalen Preisen dabei ist.
Moderatorin:
Herr Weidner, auf den Bauzäunen hängen inzwischen Plakate mit dem Satz: „Erst die Häuser, dann die Herzen.“ Haben Sie die schon gesehen?
Herr Weidner:
Natürlich, man kommt ja kaum daran vorbei. Und ich gebe zu: Schön ist es nie, wenn alte Häuser verschwinden. Die zwei Blöcke an der Lindenstraße standen allerdings schon seit Jahren halb leer, das Dach war undicht, und im Keller stand Wasser. Auf dem früheren Bahngelände bauen wir gerade einhundertzwanzig Wohnungen – das ist am Ende mehr Platz zum Wohnen, als wir an der Lindenstraße wegnehmen. Und kein einziger Mieter wurde gezwungen, irgendetwas zu unterschreiben.
Frau Schulte:
Gezwungen nicht, Herr Weidner. Aber was sollten die Leute denn machen, als im Herbst die Kündigungen kamen? Frau Kowalski aus dem dritten Stock hat dort einundvierzig Jahre gewohnt. Im März stand der Möbelwagen vor der Tür, und sie hat geweint, als sie dem Hausmeister den Schlüssel gegeben hat. Und erzählen Sie mir nichts von Ihrem Bahngelände – da steht bis heute kein einziger Stein.
Moderatorin:
Frau Kowalski hat uns übrigens vor der Sendung einen langen Brief geschrieben. Wir lesen ihn in einer der nächsten Sendungen vor.
Herr Weidner:
Ich verstehe die Gefühle, wirklich. Aber man muss auch sehen: Das Nordviertel hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Es ziehen viele junge Familien und Studenten her, und die Mieten steigen dort sowieso.
Frau Schulte:
Ach, die paar Studenten! Gehen Sie mal bei uns in einen Supermarkt. Die meisten kaufen nicht das, was sie gern möchten, sondern das, was am Monatsende noch geht. Und mittwochs, wenn die Tafel Lebensmittel verteilt, steht die Schlange bis um die Ecke. Wir brauchen keine teuren Marken. Wer soll denn bitte in Ihren schicken Läden einkaufen?
Herr Weidner:
Wir wollen das Center ja nicht gegen die Menschen bauen, sondern gemeinsam mit ihnen. Wir haben schon drei Informationsabende gemacht und …
Frau Schulte:
Zu Ihren Informationsabenden kamen zwanzig Leute. Letzten Samstag standen wir zu zweihundert vor dem Rathaus: Rentner, Studenten, die Familie Yilmaz mit ihren drei Kindern, sogar unser Pfarrer. Wir haben über viertausend Unterschriften gesammelt, und die Bäckerei Brandt hat allen Kuchen gebracht. Und wir hören nicht auf, bis der letzte Bagger wieder wegfährt.
Moderatorin:
Wie ich höre, stehen übrigens gerade auch vor unserem Funkhaus ein paar Leute mit Schildern. Grüße nach draußen!
Frau Schulte:
Herr Weidner, darf ich Sie mal etwas fragen? Haben Sie eigentlich selbst schon einmal im Nordviertel gewohnt?
Herr Weidner:
Nein, ich wohne in Südheim. Aber ich fahre jeden Morgen mit dem Fahrrad durch.
Moderatorin:
Ein Thema haben wir noch gar nicht angesprochen: den Verkehr. Viele Anwohner haben Angst vor Staus und davor, dass sie abends keinen Parkplatz mehr finden.
Herr Weidner:
Parkplätze bauen wir genug, ganze achthundert, alle unter der Erde. Und für alle, die kein Auto haben: Die Busse der Linie 14 halten ab der Eröffnung nicht mehr am alten Friedhof, sondern fahren dann weiter bis vor den Haupteingang des Centers.
Frau Schulte:
Ihr Bus kann gern fahren, Herr Weidner. Aber in die Stadt kommen wir auch so. Schon meine Mutter ist in den Sechzigerjahren mit der Straßenbahn vom Nordviertel zum Marktplatz zur Arbeit gefahren – mit der Linie 3. Und die fährt bis heute alle zehn Minuten. Wer bei uns einkaufen will, ist in einer Viertelstunde in der Fußgängerzone.
Moderatorin:
Ich merke, wir könnten noch lange weiterdiskutieren, aber unsere Sendezeit ist leider vorbei. Frau Schulte, Herr Weidner, vielen Dank für das lebhafte Gespräch. Und Frau Kowalskis Brief hören Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, schon bald hier bei „Stadtgespräch“.
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