Übergewicht bei Kindern
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Moderator:
Guten Tag, liebe Hörerinnen und Hörer, und herzlich willkommen bei „Familie heute“. Heute sprechen wir über ein Thema, das viele Familien betrifft: Übergewicht bei Kindern. Und damit wir mit gutem Beispiel vorangehen, hat unser Team extra einen Obstkorb ins Studio gestellt – normalerweise stehen hier nämlich Kekse. Zu Gast sind die Kinderärztin Dr. Kerstin Wendt, die das Programm „Bunte Teller, flinke Füße“ ins Leben gerufen hat, und die Erzieherin Kirsten Wendel aus Leipzig, deren Kita bei dem Programm mitmacht. Frau Dr. Wendt, schön, dass Sie es geschafft haben. Sie kommen ja direkt von der Arbeit, oder?
Dr. Wendt:
Ja, und das ist bei mir wirklich die Ausnahme. Normalerweise kann ich nachmittags nicht einfach weg, denn am Ende des Tages trage ich für die ganze Kinderklinik am Rosenpark die Verantwortung – für die Ärzte, die Pflegekräfte, das Geld, einfach für alles. Heute haben meine Oberärzte übernommen. Mal sehen, ob das Haus noch steht, wenn ich zurückkomme.
Moderator:
Frau Wendel, Sie kennen Kliniken ja auch von innen, habe ich gehört?
Frau Wendel:
Stimmt. Bevor ich Erzieherin geworden bin, habe ich drei Jahre auf einer Kinderstation gearbeitet, im Nachtdienst. Heute leite ich in unserer Kita die Gruppe der Vorschulkinder – und das ist manchmal nicht weniger anstrengend!
Moderator:
Frau Dr. Wendt, Sie haben das Programm vor sechs Jahren gegründet. Was war damals der Auslöser?
Dr. Wendt:
Ein Junge, neun Jahre alt. Er kam mit seiner Mutter in meine Sprechstunde, weil er nach zwei Stockwerken auf der Treppe keine Luft mehr bekam. Er hat die ganze Zeit geweint, weil die anderen Kinder ihn im Sportunterricht auslachen. Da habe ich gedacht: So kann es nicht weitergehen.
Frau Wendel:
Aber ehrlich gesagt: Dicke Kinder hat es doch immer gegeben. Als ich klein war, wurde in meiner Klasse auch ein Mädchen wegen ihres Gewichts gehänselt. Das ist doch kein neues Problem.
Dr. Wendt:
Gegeben hat es sie schon, da haben Sie recht. Aber aus meiner ganzen Grundschulzeit erinnere ich mich an genau ein einziges Kind, das wirklich schwer war – und die ganze Schule kannte ihn deswegen. Wenn ich heute durch eine dritte Klasse gehe, sehe ich vier oder fünf. Und in unserer Klinik behandeln wir inzwischen jede Woche Kinder, die schon Probleme mit den Knien oder sogar mit dem Blutzucker haben.
Moderator:
Frau Wendel, woher kommt das denn Ihrer Meinung nach? Lernen die Kinder das in der Kita?
Frau Wendel:
In der Kita bestimmt nicht! Wissen Sie, was mir am meisten verrät? Die Brotdose. Morgens um acht mache ich bei manchen Kindern den Deckel auf und finde Schokobrötchen, Gummibärchen und einen Kakao mit drei Löffeln Zucker. Das haben die Kinder ja nicht selbst eingekauft. Und wenn ein Kind beim Mittagessen sagt: „Gemüse esse ich nicht, das gibt’s bei uns nie“, dann weiß ich eigentlich schon Bescheid.
Dr. Wendt:
Darf ich da kurz einhaken? Ich möchte nicht einfach den Eltern die Schuld geben. Die Werbung spielt nämlich eine riesige Rolle: Im Kinderfernsehen und auf dem Handy sehen die Kleinen jeden Tag bunte Süßigkeiten mit lustigen Figuren. Da können die Eltern zu Hause noch so viel erklären – gegen diese Werbung haben sie kaum eine Chance.
Frau Wendel:
Das stimmt schon. Und dann suchen viele Mütter abends verzweifelt im Internet nach Diäten für ihr Kind – und finden die verrücktesten Tipps.
Moderator:
Und genau da muss man vorsichtig sein. Wer wissen will, ob das eigene Kind zu viel wiegt, muss übrigens nicht gleich zum Arzt: Auf der Homepage Ihres Programms, Frau Dr. Wendt, kann man Größe, Alter und Gewicht eingeben und sieht nach ein paar Sekunden, ob alles im grünen Bereich ist. Solche Tests bieten ja inzwischen auch viele Drogerien an, dm oder Rossmann zum Beispiel – da liegen sie direkt neben der Kasse.
Dr. Wendt:
„Anbieten“ ist nett gesagt – „verkaufen“ trifft es eher. In den Drogerien kosten solche Testsets mit Maßband und Tabelle oft zehn oder fünfzehn Euro, und für eine Familie mit drei Kindern ist das viel Geld. Bei uns ist das anders: Eine große Krankenkasse unterstützt unser Programm als Sponsor, und deshalb geben wir unsere Testsets gratis an Kitas und Kinderarztpraxen weiter.
Frau Wendel:
Bei uns in der Kita übernimmt die Krankenkasse übrigens auch die Kurse. Die Eltern zahlen nur fünf Euro im Monat für das Obst.
Moderator:
Frau Dr. Wendt, das Programm gibt es inzwischen in über achtzig Kitas. Klappt es überall gleich gut?
Dr. Wendt:
Wir haben alles dafür getan. Jede Kita bekommt die gleiche große Kiste: Spielideen, Rezepte, Lieder, Bewegungskarten, sogar kleine Kochschürzen für die Kinder. Eigentlich ist also alles da, was man braucht.
Frau Wendel:
Ach, die Kiste … Die Kita meiner Freundin in Halle hat genau dieselbe Kiste bekommen, mit denselben Karten und denselben Rezepten. Nach drei Monaten stand sie im Keller. Die Kolleginnen dort fanden das alles nur lästig – noch mehr Arbeit, noch mehr Papier. Bei uns im Team macht dagegen jede mit Herz mit, sogar unser Kollege, der früher jeden Morgen zwei Croissants gegessen hat. Die Kiste ist dieselbe – die Leute sind eben andere.
Dr. Wendt:
Das ist eine schöne Geschichte! So etwas hören wir tatsächlich öfter.
Moderator:
Was machen die Kinder denn konkret? Frau Wendel, wie sieht bei Ihnen ein normaler Vormittag aus?
Frau Wendel:
Bei uns wird viel gespielt, leider meistens drinnen, weil unser Garten nur so groß wie ein Wohnzimmer ist. Die Kinder bauen Höhlen, verkleiden sich und spielen Kaufladen. Und dienstags ist „Bunter-Teller-Tag“: Da schneiden sie Obst und Gemüse und legen daraus lustige Gesichter.
Moderator:
Und Sport? Also lieber Sport statt Spielen?
Dr. Wendt:
Nein, eben nicht „statt“! Das ist ja der Trick. Wenn die Kinder Feuerwehr spielen und mit dem Eimer durch die Turnhalle rennen oder beim Fangen laut quietschend davonlaufen, dann glauben sie, sie spielen nur. Dass dabei ihr Herz trainiert wird und ihre Muskeln stark werden, merken sie gar nicht. Und genau das wollen wir.
Frau Wendel:
Und wie lange dauert so ein Kurs eigentlich insgesamt, Frau Dr. Wendt? Das fragen mich die Eltern ständig.
Dr. Wendt:
Ein ganzes Kitajahr. Danach sollen die Kitas allein weitermachen.
Moderator:
Frau Dr. Wendt, und die Eltern? Viele sind ja berufstätig und abends müde. Erreicht man die überhaupt?
Dr. Wendt:
Ehrlich gesagt, das ist der schwierigste Teil. Zu unseren Elternabenden kommen oft nur drei oder vier Mütter, manche verstehen kaum Deutsch, andere haben einfach keine Zeit. Da sind wir noch lange nicht zufrieden.
Frau Wendel:
Bei uns hat sich da einiges getan, seit wir die Familien einmal im Monat zum gemeinsamen Kochen einladen. Am Anfang kamen zwei Mütter, letztes Mal waren es fast zwanzig Leute, darunter zwölf Väter! Und plötzlich finde ich morgens in den Brotdosen Gurkensticks und Apfelschnitze statt Gummibärchen. Die Kinder erzählen dann ganz stolz: „Das hat Papa mit mir gemacht!“
Moderator:
Zwölf Väter – Respekt! Frau Dr. Wendt, wie geht es mit dem Programm weiter?
Dr. Wendt:
Am liebsten hätte ich es in jeder Kita in Deutschland. Aber dafür fehlt im Moment einfach das Geld.
Moderator:
Ganz so schlecht sieht es aber nicht aus: Wie ich gelesen habe, starten ab dem nächsten Frühjahr auch Kitas in Kassel, Erfurt und Rostock. Liebe Gäste, vielen Dank für das Gespräch – und greifen Sie gern noch beim Obstkorb zu! Liebe Hörerinnen und Hörer, bis nächste Woche bei „Familie heute“.
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