Schiffsreise nach Italien
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- Katja! Da bist du ja endlich. Schön braun bist du geworden! Na, erzähl schon – wie war’s? Drei Tage mit dem Schiff von Marseille bis Neapel, mit Stopps in Genua und Livorno … Ich war ehrlich gesagt ein bisschen neidisch.
- Hallo, Svenja! Komm, lass dich drücken. Puh, wo soll ich anfangen … Bestell uns lieber erst mal zwei Cappuccino, das dauert länger.
- Gut, gut. Also: Hast du wirklich an Deck geschlafen, unter freiem Himmel? Davon hast du doch wochenlang geredet.
- Ja, genau, das war der Plan! Ich hatte sogar extra die Isomatte und den dünnen Schlafsack eingepackt. Und es gab da auch wirklich eine Gruppe Studenten aus Lyon, die lagen jede Nacht nebeneinander hinten beim Rettungsboot, mit Gitarre und Rotwein. Da hätte ich zu gern mitgemacht … Tja. Meine Mutter hatte mir zum Geburtstag diese kleine Kabine dazugebucht, ganz unten, ohne Fenster, mit einem Bett so schmal wie ein Bügelbrett. Und bei dem Wind war es draußen nachts eiskalt. Also lag ich da unten. Jede Nacht.
- Ach, schade! Als ich damals mit der Fähre nach Schweden gefahren bin, hab ich draußen geschlafen, zwischen lauter Lastwagenfahrern. Ich hab gefroren wie ein Hund, aber das war das Schönste an der ganzen Reise. Aber der erste Tag war doch bestimmt traumhaft, oder? Sonne, blaues Meer, Möwen …
- Oh, und wie! Du hättest diese Abfahrt sehen sollen: Marseille in der Morgensonne, alle Leute an der Reling, Musik vom Oberdeck, ich hab bestimmt hundert Fotos gemacht. Tja, und ungefähr eine Stunde nach dem Mittagessen kamen die Wellen. Die anderen saßen gemütlich im Restaurant, und ich hab den Rest des Tages mit einer Plastiktüte auf dem Schoß verbracht. Bis spät in die Nacht.
- Oh nein, du Arme! Seekrank … Das hätte ich dir vorher sagen können, dir wird ja schon im Bus zu deinen Eltern schlecht. Na ja, dann hat sich die ganze Sache eher nicht gelohnt, oder? Bei dem Preis!
- Ehrlich gesagt hab ich an dem Abend genau das gedacht: Katja, fast sechshundert Euro, um in einem Kabinenloch zu liegen – bist du verrückt? Aber ab dem zweiten Tag war das Meer ganz ruhig, und dann … Ich sag dir, wenn ich daran denke, wie wir morgens in den Hafen von Neapel eingefahren sind, mit dem Vesuv im Nebel – dafür würde ich jeden Cent noch einmal hinlegen.
- Na, wenn du das sagst. Du bist ja sowieso unser Italien-Profi. Wie oft warst du jetzt schon da – zehnmal?
- Zehnmal? Schön wär’s! Das war meine sechste oder siebte Reise, glaube ich, aber sonst immer nur ein paar Tage. Diesmal waren es ja immerhin zwei Wochen.
- Und dann am Strand? Am Telefon hast du was von einem Marco erzählt …
- Ach, Marco … Den hab ich am dritten Tag kennengelernt. Ich lag unter meinem Sonnenschirm, er hat mit seinen Freunden Volleyball gespielt, und der Ball ist direkt in meinem Eiskaffee gelandet. So fängt das an.
- Wie im Film! Moment mal – die CD da in deiner Tasche, die ist doch aus Italien! Lass mich raten: die neue von den Lune Rosse? Das ist doch deine absolute Lieblingsband, die hörst du seit Jahren rauf und runter.
- Schön, oder? Guck mal, das Cover hat ein Freund von ihnen gemalt, und die Lieder sind der Wahnsinn – ich hab sie im Zug nach Hause dreimal hintereinander gehört. An die Lune Rosse kommen sie natürlich nicht ran, aber … Das sind „I Pescatori“, vier Jungs aus einem Dorf bei Salerno. Und der mit den Locken hinten am Schlagzeug – na ja, das ist Marco. Nach dem Konzert in der Strandbar stand er mit einem Karton CDs am Ausgang, fünfzehn Euro das Stück, und ich konnte natürlich nicht Nein sagen.
- Der Schlagzeuger! Katja, Katja … Und dann musstest du leider schon zurück. Du hast mir doch geschrieben, du willst verlängern, aber im August ist da unten alles ausgebucht. Das klappt nie.
- Genau das hat die Frau im Reisebüro am Hafen auch gesagt! „Tutto completo, Signora“ – alles voll, das Schiff am Sonntag, das am Montag, keine Chance. Ich hab mich schon heulend den Koffer packen sehen. Mein Schiff ging ja am Samstag. Tja, und dann hat Marcos Cousine, die arbeitet bei der Reederei, ein bisschen herumtelefoniert … Kurz gesagt: Am Samstag, als ich eigentlich schon an Bord sein sollte, lag ich noch mal den ganzen Tag auf meinem Handtuch in der Sonne, abends gab’s Pizza mit der ganzen Band, und am Sonntag früh ging’s dann wirklich los.
- Typisch du! Und apropos Pizza: das Essen! Ich wette, jetzt schmeckt dir hier gar nichts mehr. In Italien ist doch alles viel frischer, viel ehrlicher …
- Ach, die Pizza in Neapel – ein Gedicht! Dünner Boden, Tomaten vom Markt nebenan, ich hätte jeden Tag drei essen können. Aber weißt du was? Gestern Abend war ich bei Gino in der Bahnhofstraße – der kommt ja auch aus Neapel –, und ich hab die Augen zugemacht und hätte nicht sagen können, wo ich bin. Und in den Restaurants direkt am Strand gab’s teilweise Nudeln aus der Packung, für achtzehn Euro. Also, gut kochen können sie da wie hier. Und schlecht auch.
- Hm, da ist was dran. Und nächstes Mal? Wieder mit dem Schiff? Oder doch lieber der Flieger? Ich würde ja inzwischen gar nicht mehr fliegen, wegen dem Klima – ich nehm jetzt immer den Nachtzug.
- Ach, das Schiff … Diese Sonnenuntergänge an der Reling, die Studenten mit ihrer Gitarre, der Morgen vor Neapel – so was vergisst man nicht. Eigentlich müsste ich das jedes Jahr machen. Nur: Marco spielt an Ostern in Salerno, und ich hab bloß vier Tage frei. Die Bestätigung kam gestern Abend: Frankfurt ab sieben Uhr zehn, gut zwei Stunden später bin ich in Neapel. Platz am Fenster, natürlich.
- Ah, da kommen unsere Cappuccini. Na dann – auf Marco!
- Auf Marco. Und auf Italien!
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