Bringt die Stadt die Menschen zusammen?
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Moderatorin:
Liebe Hörerinnen und Hörer, herzlich willkommen bei „Treffpunkt Stadt“. Unsere Frage heute lautet: „Bringt die Stadt die Menschen zusammen?“ Zu Gast im Studio sind die bekannte Architektin Katja Lindner und der ebenso bekannte frühere Immobilienmakler Markus Holtkamp. Beide haben ihre Karriere in großen Firmen beendet und engagieren sich heute in der Stadtteilarbeit. Frau Lindner, in Ihrer Heimatstadt beginnt bald der große Umbau der Innenstadt, die Planungen laufen schon. Sie selbst haben in den letzten Jahren viele Projekte in Innenstädten gebaut und dafür auch Preise bekommen. Wie sehen Sie die Innenstädte heute?
Katja Lindner:
Immer noch positiv, aber kritischer als früher. Die Innenstädte werden immer mehr zu riesigen Einkaufszentren. Dabei geht die alte Idee verloren, dass auf dem Marktplatz Menschen aus der ganzen Stadt und aus aller Welt zusammenkommen, um friedlich miteinander zu handeln und zu feiern. Das finde ich ein bisschen schade.
Moderatorin:
Und Sie, Herr Holtkamp, ich glaube, Sie sehen die Innenstädte eher kritisch?
Markus Holtkamp:
Absolut. Die Innenstadt war schon immer vor allem ein Ort zum Geldverdienen – nur dazu da, dass sich große Ketten und Marken möglichst gut zeigen können. In der Großstadt geht es vor allem um Erfolg und Umsatz. Mit echtem Zusammenleben hat das nichts zu tun.
Katja Lindner:
Wieso sind Sie denn so negativ? Sie haben doch selbst jahrelang mitten in der Großstadt Karriere gemacht – als Star unter den Immobilienmaklern in Frankfurt. Sie haben bei solchen Großprojekten mitgemacht, genau wie ich als Architektin.
Markus Holtkamp:
Inzwischen sehe ich das anders.
Moderatorin:
Viele Menschen sehen das Leben in der Großstadt ja negativ. Frau Lindner, was würden Sie denn dazu sagen? Was ist eigentlich das Gute am Leben in der Stadt?
Katja Lindner:
Gute Architektur kann Menschen dazu bringen, in ein Viertel zu ziehen und sich dort zu engagieren. Sehen Sie, in meiner Heimatstadt Nordhafen wollte früher niemand am alten Hafen wohnen. Das hat sich erst geändert, als meine Kollegin Merle und ich dort ein neues Wohnviertel gebaut und dafür internationale Preise gewonnen haben. Ganz schnell haben Cafés, kleine Läden und sogar eine neue Schule eröffnet, junge Familien sind dorthin gezogen, und heute ist der Hafen der beliebteste Teil der Stadt.
Moderatorin:
Eine tolle Entwicklung!
Katja Lindner:
Ja, darüber freue ich mich sehr. Als Architektinnen konnten wir mitbestimmen, wie Menschen wohnen. Wir konnten zeigen, dass man aus einem leeren Viertel etwas machen kann, wenn man nur will. Heute plane ich ehrenamtlich Spielplätze in drei Stadtteilen. Und es macht mich glücklich, wenn Kinder im Sommer wie im Winter draußen herumtoben, statt den ganzen Tag in der Wohnung vor dem Handy oder dem Fernseher zu hängen. Das ist doch wirklich nicht gesund!
Markus Holtkamp:
Bei mir ging es in eine ähnliche Richtung. Ein Erlebnis hat mich dazu gebracht, mir eine Alternative zur Großstadt zu suchen. An meinem letzten Arbeitstag in Frankfurt – ich war damals 38 – saß mir im Büro mein Kollege Tobias gegenüber, ein wirklich netter Mensch. Plötzlich wurde er ganz blass, ist vom Stuhl gerutscht und lag auf dem Boden. Herzinfarkt – mit 41!
Moderatorin:
Oh nein! Das ist ja schrecklich. Wie konnte das passieren?
Markus Holtkamp:
Genau weiß das niemand. Vielleicht der Stress, die vielen Überstunden, kaum Schlaf … Für mich war das jedenfalls das Signal: Jetzt höre ich auf. Meine Frau und unsere Kinder sind heute noch froh darüber. Inzwischen habe ich ein kleines Café in einem alten Viertel in Kassel und viele Stammgäste. Und dann hatte ich noch eine Idee.
Katja Lindner:
Was für eine Idee?
Markus Holtkamp:
Angefangen hat es mit Kochabenden für die Nachbarn und Spielenachmittagen für Kinder … Später habe ich Stadtspaziergänge für Jugendliche organisiert, quer durch alle Viertel. Vor allem wollte ich, dass die jungen Leute mal rauskommen und merken, wie viel Spaß es macht, die eigene Stadt zu Fuß zu entdecken. Außerdem war das auch eine gute Chance, junge Leute aus ganz verschiedenen Ländern zusammenzubringen.
Moderatorin:
In vielen Städten gibt es ja inzwischen sehr erfolgreiche Projekte für die Integration.
Markus Holtkamp:
Das stimmt. Wir haben jetzt sogar ein besonderes Projekt für Nachbarn aus aller Welt geplant. Dafür habe ich bei der Stadt auch Fördergeld beantragt, und es sieht ganz gut aus.
Katja Lindner:
Das klingt ja spannend! Wir möchten nämlich mit Schulen aus anderen Ländern ein gemeinsames Projekt zum Thema „Wohnen in der Zukunft“ machen, aber wir wissen noch nicht, wie wir das bezahlen sollen. Herr Holtkamp, haben Sie da vielleicht ein paar Tipps für mich?
Markus Holtkamp:
Mache ich gern.
Moderatorin:
Dann kommen wir zurück zu unserer Frage vom Anfang: Bringt die Stadt die Menschen zusammen? Ihr letztes Wort dazu, bitte.
Katja Lindner:
Ich sage ja, nach allem, was ich erlebt habe. Wenn Menschen eng beieinander wohnen, dieselben Plätze nutzen und beim Straßenfest sogar im Wettbewerb um den schönsten Vorgarten gegeneinander antreten, dann verbindet das sehr. Das gilt für die große Innenstadt genauso wie für das kleine Viertel.
Markus Holtkamp:
Ich glaube, in der Großstadt herrscht vor allem Konkurrenz – um Wohnungen, um Jobs, sogar um Parkplätze. Das bringt die Menschen nicht so sehr zusammen. Aber im eigenen Viertel treffen sich oft ganz unterschiedliche Menschen, die sonst nie miteinander zu tun hätten. Da können sogar Freundschaften entstehen, ganz anders als in der anonymen Großstadt. Nur noch eine Sache: Wenn ich mit Freunden zum großen Stadtfest in die Innenstadt fahre, dann verbindet uns das auch ganz stark.
Moderatorin:
Frau Lindner, Herr Holtkamp, vielen Dank, dass Sie heute hier waren und so offen mit uns diskutiert haben. Und Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, danke fürs Zuhören. In vierzehn Tagen hören wir uns wieder bei „Treffpunkt Stadt“.
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