Interview mit der Computerpionierin „Dr. Helen Bradshaw“
Sie hören eine Ansage aus dem Radio. Zu dieser Ansage gibt es eine Aufgabe. Welche Lösung (a, b oder c) passt am besten?
R = Reporter / Reporterin
B = Dr. Helen Bradshaw, Informatikpionierin
R:
Guten Tag und herzlich willkommen zu unserer Technik‑Sendung. Heute haben wir eine ganz besondere Persönlichkeit zu Gast: Dr. Helen Bradshaw. Sie gehört zu den sechs Frauen, die in den 1940er‑Jahren das Programmieren des ersten elektronischen Großrechners übernommen haben. Schön, dass Sie bei uns sind, Frau Bradshaw.
B:
Vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich sehr, hier zu sein.
R:
Für viele junge Menschen ist der Computer heute selbstverständlich. Fast jeder benutzt täglich ein Smartphone oder einen Laptop. Dass das möglich ist, verdanken wir auch Ihrer Generation. Wie kam es dazu, dass Sie damals bei diesem historischen Projekt dabei waren?
B:
Nun, mein Vater und mein Großvater waren beide Mathematiker. Ich bin mit Zahlen und logischem Denken aufgewachsen. Für mich war es völlig klar, dass ich Mathematik studieren wollte. Damals war das allerdings noch ein sehr ungewöhnlicher Wunsch für eine Frau. Ich habe trotzdem mit 18 Jahren mein Studium an einer ganz normalen Universität begonnen.
R:
Und wie haben die Professoren reagiert?
B:
Nicht besonders freundlich. Viele sagten offen, dass Frauen besser zu Hause bleiben und Kinder großziehen sollten. Das hat mich zwar geärgert, aber ich wollte unbedingt weiterlernen. Trotzdem habe ich das Fach gewechselt und bin in den Bereich Journalismus gegangen, weil die Vorurteile im Mathematikstudium einfach zu stark waren.
R:
Wie ging es dann weiter?
B:
Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete ich für eine landwirtschaftliche Fachzeitschrift. Fünf meiner sieben Geschwister waren beim Militär, und irgendwann wollte ich auch etwas beitragen. Also meldete ich mich freiwillig und wurde in eine Abteilung versetzt, die komplizierte Berechnungen für ballistische Tabellen durchführen musste. Wir arbeiteten mit mechanischen Rechenmaschinen, die unglaublich langsam waren. Für eine einzige Berechnung brauchten wir manchmal mehrere Stunden.
R:
Das klingt ziemlich eintönig.
B:
Das war es auch. Ich wollte unbedingt etwas Neues ausprobieren. Als ich hörte, dass in einem Forschungszentrum ein elektronischer Rechner gebaut wurde, bin ich sofort hingefahren. Der Rechner hieß ENARC und war gigantisch: drei Meter hoch, fast 30 Meter lang und voller Kabel. 1946 wurde er der Öffentlichkeit vorgestellt. Er konnte Berechnungen hundertmal schneller durchführen als ein Mensch – eine echte Sensation.
R:
Wurden Sie und die anderen Frauen damals für Ihre Arbeit gewürdigt?
B:
Leider nicht. Bei der Präsentation standen nur die Männer auf der Bühne. Die Frauen, die das Programmieren übernommen hatten, wurden kaum erwähnt. Das war damals normal.
R:
Wie hat Ihr Mann auf Ihre berufliche Tätigkeit reagiert?
B:
Ich hatte großes Glück. Ich habe einen Physiker geheiratet, der meine Arbeit sehr unterstützt hat. Ich musste meinen Beruf nie aufgeben. Wir haben zwei Töchter, und eine von ihnen arbeitet heute selbst in der IT‑Branche.
R:
Sie waren später auch an der Gründung einer der ersten Computerfirmen beteiligt, stimmt das?
B:
Ja, das war 1948. Damals sahen die Computer noch sehr bedrohlich aus – große schwarze Kästen, die eher an Maschinen aus einem Horrorfilm erinnerten. Ich habe vorgeschlagen, die Geräte in einem helleren Grau zu gestalten, damit sie freundlicher wirken. Diese Idee hat sich tatsächlich durchgesetzt. Außerdem habe ich bei der Entwicklung der Programmiersprache COBAL mitgearbeitet, die heute noch in vielen Banken und Behörden verwendet wird.
R:
Und heute? Arbeiten Sie immer noch mit Computern?
B:
Ja, ich unterrichte gerade einen Einführungskurs für Betriebssysteme. Es macht mir Spaß, mein Wissen weiterzugeben.
R:
Frau Bradshaw, vielen Dank für dieses spannende Gespräch.
B:
Sehr gern. Auf Wiedersehen.
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