Kostenloser Nahverkehr: Lösung für Städte oder teures Experiment?
Sie lesen in einer Zeitung einen Artikel. Wählen Sie bei jeder Aufgabe die richtige Lösung.
Kein Ticket, keine Kontrolle, einfach einsteigen: Immer mehr Bürgerinitiativen fordern einen kostenlosen Nahverkehr für ihre Stadt. Das Argument klingt einleuchtend – wer nichts zahlen muss, lässt das Auto eher stehen, und die Luft wird sauberer. Doch steigen die Menschen tatsächlich um? Und wie soll ein solches Angebot bezahlt werden?
Erfahrungen gibt es inzwischen genug, denn die Idee wurde in den letzten Jahrzehnten an vielen Orten ausprobiert – mit sehr unterschiedlichem Ergebnis.
Eine Kleinstadt in Süddeutschland startete Anfang der 2000er-Jahre ein Pilotprojekt, das von Beginn an auf drei Jahre begrenzt war. Der Effekt war beachtlich: Innerhalb weniger Monate nutzten fünfmal so viele Menschen die Busse wie zuvor. Allerdings wuchsen mit den Fahrgastzahlen auch die Ausgaben, während die Einnahmen aus dem Ticketverkauf komplett wegfielen. Als die vereinbarten drei Jahre um waren, entschied sich der Stadtrat gegen eine Verlängerung.
Ganz anders verlief es in einer Hafenstadt in Nordfrankreich. Dort hatte sich in einer Bürgerbefragung eine deutliche Mehrheit für das Gratis-Angebot ausgesprochen, und seit einigen Jahren fahren Bus und Straßenbahn dort kostenlos. Das Ergebnis überraschte selbst die Verantwortlichen: Zahlreiche Beschäftigte, die bis dahin täglich aus den umliegenden Gemeinden in die Stadt gefahren waren, meldeten ihren Wohnsitz kurzerhand in der Stadt an. Die Einwohnerzahl wuchs, und mit ihr die Steuereinnahmen der Kommune – im ersten Jahr um rund sechs Millionen Euro, deutlich mehr, als der Ticketverkauf früher eingebracht hatte.
Nirgends hielt man so lange durch wie in Belgien. Eine Stadt mit etwa 70.000 Einwohnern schaffte 1997 die Fahrscheine ab und behielt das Angebot mehr als fünfzehn Jahre bei. Am Ende zog der Stadtrat dennoch die Notbremse. Ausschlaggebend war ein Loch im Haushalt, aber Probleme hatte es schon lange vorher gegeben: Die Busse waren chronisch überfüllt und kamen kaum noch pünktlich voran, weil viele Fahrgäste nur für ein oder zwei Haltestellen zustiegen und auch die Linien in die Vororte ständig ausgelastet waren.
Wie so etwas in einer deutschen Großstadt bezahlt werden soll, kann bisher niemand sagen. Allein die Verkehrsbetriebe einer Großstadt im Rheinland nehmen nach eigenen Angaben jährlich rund 400 Millionen Euro durch Fahrscheine ein. Ein Sprecher des Unternehmens erklärte, dass dieser Betrag bei einem Gratis-Angebot von Land und Bund übernommen werden müsste – aus eigener Kraft könnten die Betriebe das nicht leisten.
Hinzu kommt die Frage, ob das Netz den Ansturm überhaupt verkraften würde. In den Stoßzeiten sind U-Bahnen und Busse vielerorts heute schon voll. Fielen die Fahrpreise weg, dürften noch mehr Menschen einsteigen. Neue Fahrzeuge, mehr Personal, zusätzliche Strecken – das alles wäre nötig, lässt sich aber nicht in wenigen Monaten umsetzen.
0 / 6 richtige Optionen
Ihre Fehlermeldung wurde erfolgreich gesendet!
Wählen Sie eine Übungskategorie für Goethe B2
Keine kostenlosen Übungen mehr
Sie haben 5 kostenlose Übungen genutzt. Registrieren Sie sich, um 24 Stunden kostenlosen Zugriff auf alle Funktionen zu erhalten.