Pflege (telc)
Deutsch

Kandidat: Ich habe dieses Thema gewählt, weil geschlechtsspezifische Pflege im Alltag häufig vorkommt und sensibles Handeln erfordert. Ich möchte über drei Dinge sprechen: warum das Geschlecht in der Pflege eine Rolle spielt, welche Herausforderungen entstehen und wie man damit professionell umgeht.
Manche Menschen möchten nur von einer Pflegekraft desselben Geschlechts gepflegt werden – besonders bei der Intimspflege, beim Waschen oder Umkleiden. Das hat verschiedene Gründe: persönliches Schamgefühl, kulturelle oder religiöse Überzeugungen, oder einfach das Gefühl, sich bei jemandem des gleichen Geschlechts wohler zu fühlen. Solche Wünsche sind vollkommen berechtigt und sollten ernst genommen werden.
Die Herausforderung in der Praxis ist, dass Pflegeteams oft gemischt sind und nicht immer eine Pflegekraft des gewünschten Geschlechts verfügbar ist – besonders nachts oder bei kurzfristigen Ausfällen. Dann muss man kreative Lösungen finden: vielleicht kann ein Kollege einspringen, der Dienst getauscht werden oder die Pflege auf einen anderen Zeitpunkt verschoben werden. Manchmal ist das aber nicht möglich.
Und was dann? Wenn es eine akute Notwendigkeit gibt – zum Beispiel bei einer Verletzung oder bei einem Notfall – muss die Pflege sofort stattfinden, unabhängig vom Geschlecht der Pflegekraft. In solchen Situationen erkläre ich kurz, warum ich jetzt handeln muss, und achte besonders auf Würde und Diskretion. Nach dem Notfall bespreche ich die Situation mit dem Team, um für die Zukunft bessere Lösungen zu finden.
Kurz gesagt: Geschlechtsspezifische Wünsche sind legitim und sollten wenn immer möglich respektiert werden – aber Patientensicherheit geht im Notfall vor.
Prüfer: Sie haben gesagt, geschlechtsspezifische Wünsche sollten wenn immer möglich respektiert werden. Was tun Sie konkret, wenn ein Patient diesen Wunsch äußert und Sie gerade die einzige verfügbare Pflegekraft sind?
Kandidat: Zuerst nehme ich den Wunsch ernst und sage das dem Patienten auch. Dann schaue ich, ob ich jemanden erreichen kann – über Telefon, Funkgerät oder Gegensprechanlage. Wenn es nicht dringend ist, warte ich, bis eine passende Kollegin oder ein passender Kollege kommt. Wenn es nicht warten kann, erkläre ich ruhig: „Ich verstehe Ihren Wunsch und respektiere ihn. Im Moment bin ich die einzige Person, die helfen kann. Ich werde so diskret wie möglich vorgehen." Dann achte ich besonders darauf, nur das Nötigste zu tun und die Privatsphäre maximal zu schützen.
Prüfer: Gibt es Situationen, in denen auf geschlechtsspezifische Wünsche keine Rücksicht genommen werden kann?
Kandidat: Ja – bei medizinischen Notfällen ist das der Fall. Wenn jemand einen Herzstillstand hat oder bewusstlos ist, reanimiere ich sofort – unabhängig von Geschlecht, Kultur oder persönlichen Wünschen. Das ist auch rechtlich klar geregelt: Lebensrettung hat immer Vorrang. Auch bei demenzkranken Patienten, die nicht mehr klar kommunizieren können, muss man manchmal pragmatisch handeln. Und wenn eine Einrichtung grundsätzlich zu wenig Personal eines bestimmten Geschlechts hat, ist das ein strukturelles Problem, das gelöst werden muss – nicht durch die Pflegekraft im Einzelfall.
Prüfer: Wie wirkt sich die Tatsache aus, dass immer noch deutlich mehr Frauen als Männer in der Pflege arbeiten – für Patienten, die einen männlichen Pfleger wünschen?
Kandidat: Das ist ein reales Problem, besonders für männliche Patienten, die aus Scham oder kulturellen Gründen keine Frau an sich heranlassen möchten. In manchen Einrichtungen gibt es kaum männliche Pflegekräfte – und dann ist dieser Wunsch schlicht nicht erfüllbar. Das zeigt nochmal, wie wichtig es ist, mehr Männer für den Pflegeberuf zu gewinnen. Nicht nur wegen des Personalmangels allgemein, sondern auch weil Diversität im Team besser auf individuelle Bedürfnisse eingehen kann.
Prüfer: Haben Sie selbst schon eine Situation erlebt, in der ein Patient einen geschlechtsspezifischen Wunsch geäußert hat? Wie haben Sie reagiert?
Kandidat: Ja. Ein älterer männlicher Bewohner hat mir einmal klar gesagt, dass er nicht von einer Frau gewaschen werden möchte – aus religiösen Gründen. Ich habe das vollkommen respektiert, ohne nachzufragen oder zu diskutieren. Wir haben im Team besprochen, dass immer ein männlicher Kollege für seine Grundpflege eingeteilt wird. Das hat gut funktioniert. Was mich dabei beeindruckt hat: er hat sich danach viel entspannter und kooperativer gezeigt – nicht nur bei der Pflege, sondern generell. Das hat mir gezeigt, wie stark das Wohlbefinden von solchen scheinbar kleinen Dingen abhängen kann.

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